Kultur

Würth Open Air 1400 Besucher feiern 20. Geburtstag des Events bei berauschender Opern-Gala

Belcanto und russische Seele

Archivartikel

Strahlend blauer Himmel, milde Abendtemperaturen, ein malerischer Sonnenuntergang und 1400 gut gelaunte Besucher – beste Rahmenbedingungen für das Jubiläum 20 Jahre Würth Open-Air. Was 1998 auf dem Verladehof als Festival begann, hat sich zu einem repräsentativen Event entwickelt. Von sportlich lässig bis klassisch elegant, konnte man auf dem Vorplatz des Carmen Würth Forum flanieren und Italien-Flair genießen.

Den Auftakt des dreitägigen Jubiläums bestritten die Würth Philharmoniker – 85 Musiker aus zwölf Nationen unter Leitung ihres designierten Chefdirigenten Claudio Vandelli. Mit 14 der schönsten Arien aus russischen und (im zweiten Teil) aus italienischen Opern setzen Olga Peretyatko (Sopran), Ildar Abdrazakov (Bass) und Dmitry Korchak (Tenor) Glanzlichter.

Eine besondere Überraschung ist die (nicht im Programm erwähnte) Ouvertüre des „Rienzi“, die das Orchester seinem Gönner, dem Unternehmer und Wagner-Liebhaber Reinhold Würth aus Dank darbietet. Rienzi, ein Sujet, das in Rom verortet ist, lässt Wagners musikalisches Vorbild Bellini durchschimmern.

Der Fundus europäischer Liedkunst ist groß. Insbesondere die italienische Oper ist reich an Ästhetisierungen des Gesangsstils. Berühmt für die Perfektionierung der Gesangstechnik samt Weichheit des Tons und ausgeglichenen Stimmregistern, ist das Belcanto.

Teil der gesanglichen Hochkultur ist die enorm ausdifferenzierte Begrifflichkeit: Legato (gebunden folgen Töne ohne Unterbrechung aufeinander), Messa di voce (An- und Abschwellen der Stimmlautstärke während des möglichst langen Haltetons), Appoggiaturen (zwischen Melodietöne eingeschobene Verzierungen) und Portamenti (Töne durch kurzes Glissando verbinden). Die italienische Oper hat damit weltweit Maßstäbe gesetzt.

Man kann sich nicht satthören

Ob die Cavatine der Ludmilla (Glinka „Ruslan und Ludmila“), die Berceuse der Wolchowa (Rimski-Korsakow „Sadko“ oder die Cavatine der Rosina (Rossini „Il barbiere di Siviglia“, Olga Peretyatko ist ein Koloratursopran, der diese Qualitäten nicht nur beherrscht, sondern bis in höchste Lagen mit einer Raffinesse und Subtilität einsetzt, dass man sich daran nicht satthören kann. Ebenso der charismatische, stimmgewaltige Ildar Abdrazakov, dessen samtiges Timbre nuanciert durch Melodien führt, sei es die Arie des Gremin (Tschaikowski „Eugen Onegin“) oder die Cavatine des Aleko (Rachmaninow „Aleko“).

Langsam angehen lässt es Dmitry Korchak, ein lyrischer Tenor, der vor allem im Dialog mit den Kollegen, in Duetten und Terzetten aus sich herauskommt.

Während die russischen Komponisten eher melancholische Stimmungen pflegen, sprühen ihre italienischen Kollegen vor Rhythmus, Witz und Temperament. Peretyatko und Abdrazakov flirten mit dem Publikum, was das Zeug hält, Korchak eher, was die Musik hergibt.

Erst mit einer Flasche Rotwein als Liebestrank (Donizetti „L’elisir d’amore“) kommt er so richtig in Fahrt.

Packende Darstellungskunst auf dem Podium steigert sich mit der berühmten neapolitanischen Tarantella „La Danza“ von Rossini. Ein funkensprühendes Feuerwerk, bei dem es kein Halten mehr gibt.

Nach dem Terzett, Ernesto De Curtis‘ „Non ti scordar ie me“, braust im Publikum ein Begeisterungssturm auf. Grandios das einfühlsame Dirigat und die Einheit des differenziert agierenden Klangkörpers. Vandelli, ganz italienisches Feuer, springt auf und gibt seinen Musikern die Sporen „Funiculì, Funiculà“ gerät zu einem rasanten Bravourstück, das mit viel russischer Hingabe, einem beseelten „Ochi chornyye“, als zweiter Zugabe in die Zielgerade läuft.

Auch wenn einem die russische Oper noch etwas fremd scheint, nur wenige Besucher des Russischen mächtig sind, Musik verbindet und die russische Seele ist im Belcanto gut aufgehoben.