Kultur

Nachruf Suhrkamps wirkungsmächtiger Cheflektor Raimund Fellinger stirbt mit 68 Jahren

Bernhards „geliebter Fehlersucher“

Archivartikel

„Bernhard war wie Handke: Machte man ihm gute Korrekturvorschläge, war alles gut“, erzählte Raimund Fellinger, langjähriger Cheflektor beim Suhrkamp-Verlag, 2016 in einem Interview mit dem „SZ-Magazin“ über seine beiden als äußerst schwierig geltenden Hauptautoren. Kurz vor dessen Tod habe er sich von Thomas Bernhard (1931-1989) ein Buch signieren lassen, erzählt der Wahl-Frankfurter und ergänzt: „Obwohl er in unserem direkten Umgang in der höchsten Art und Weise höflich war, hat er mir reingeschrieben: ,Mein geliebter Fehlersucher’. Das war ein bisschen wenig, fand ich.“

Fellinger, seit Jahrzehnten Präsident der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft ist am Montag im Alter von 68 Jahren gestorben. Das teilte der Suhrkamp Verlag am Montag in Berlin mit. Seine Bedeutung für die deutsche Gegenwartsliteratur belegt allein die Überschrift, mit der die „FAZ“ seinen Nachruf überschrieb: „Der Mann, der Suhrkamp war.“ Tatsächlich steht der öffentlichkeitsscheue Fellinger wie sonst nur Namensgeber Peter Suhrkamp für ein Verlagshaus, das zu den wichtigsten im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zählt.

Kurz vor der Promotion über Heinrich Heine hat ihn 1979 Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) persönlich als Lektor angeworben. Ein Jahr später trug Fellinger die Verantwortung für die Edition Suhrkamp und die Werke von Wolfgang Koeppen, Uwe Johnson, Christoph Hein oder Peter Sloterdijk. Unseld nannte ihn „den verlässlichsten Lektor, den sich bis zur Selbstaufgabe hingebenden Arbeiter am Text, den Mitdenker der Inhalte der Verlage“. 2006 wurde der 1951 im saarländischen Dillingen geborene Fellinger Cheflektor, seit 2010 in Personalunion auch beim Insel Verlag. Zuletzt war er Teil der Geschäftsführung.

All das beschreibt seine Bedeutung nur annähernd – zumal derart wirkungsmächtige Lektoren heutzutage Seltenheitswert haben. Denn der „Fehlersucher“ Fellinger hat Großautoren wie den an Kommasetzung gänzlich desinteressierten Bernhard nicht nur korrigiert, er diskutierte inhaltlich mit Autorität, annähernd auf Augenhöhe – aber letztlich stets als Diener der Texte und ihrer Autoren. Das ist eine Qualität, die fehlt, rar geworden in Zeiten von zunehmend geschwätzigen Erfolgsschriftstellern und Bestsellern, denen ein paar Dutzend weglektorierte Seiten gut täten.

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