Kultur

Berühmte Erinnerungen

Archivartikel

Zum 250. Geburtstag von François-René de Chateaubriand ist in neuer Übersetzung der grandiose Band „Kindheit in der Bretagne“ erschienen. Geboren 1768 in Saint Malo, gestorben 1848 in Paris, umfasst sein Leben eine Fülle unterschiedlichster Epochen: die des Ancien Régime, der großen Revolution, der Schreckensherrschaft, der Ära Napoleons, der Bourbonenrestauration, endlich der Februarrevolution, die er noch kurz vor seinem Tod begeistert als Anbruch einer neuen Zeit begrüßt. Und doch sind es viel mehr als die Erinnerungen eines Greises an die Tage seiner Kindheit, die sich hier auf 296 Seiten voller Poesie stimmungsvoll geschildert finden. Die hochdramatischen Ereignisse des Jahres 1789, die der Autor so detailgenau wie drastisch voll Entsetzen, Wut und Scham Revue passieren lässt, vermitteln ein erschreckend ungeschöntes Bild der Umwälzung, womit ein welthistorisch beispielloses Novum, das bis heute nachwirkt, festgehalten wird. Diese Erinnerungen, die bezeugen, dass der Standpunkt des Dichters „Jenseits des Grabes“ keine Rücksicht auf Flausen der Berichterstattung über eine aus dem Lot geratene Werteordnung kennt, zählen in Frankreich zu den Klassikern. Auch deshalb ist es überfällig, dass der Autor hierzulande die adäquate Resonanz gewinnt. dss

Neu übersetzt von Karl-Heinz Ott. Hoffmann & Campe, 296 Seiten, 20 Euro.