Kultur

Filmkritik „Was uns nicht umbringt“ überzeugt mit kauzigen Protagonisten – und „Weil du mir gehörst“ mit einer schockierenden Familientragödie

Berührende Einblicke in verletzte Seelen

Archivartikel

Sogar sein Hund Panama ist schwermütig – genau wie die meisten Patienten des Psychotherapeuten Max (August Zirner): etwa der Pilot mit Flugangst oder der Mann, der einfach nicht redet. Doch so traurig die Menschen und ihre Schicksale im Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ sind, so viel subtiler Witz und so viel Hoffnung steckt in den Erzählungen.

Das Werk der Regisseurin Sandra Nettelbeck läuft beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen in der Reihe „stilbewusst erzählt“. Max ist nicht nur mit dem Kummer seiner Patienten beschäftigt, sondern auch mit der eigenen Familie: seiner Ex-Frau, die gerne seine Patientin wäre und gerade gleich zwei Probleme am Hals hat: einen jungen Liebhaber, der es ernst mit ihr meint – und eine pubertäre Tochter. „Die Welt ist klein – und die Probleme sind groß.“

Langsam, in manchmal düsteren Bildern und zu schwermütiger Musik, erzählt der Film Stück für Stück die Geschichten hinter den Menschen auf der Couch – und lässt den Zuschauer sie so ins Herz schließen. Große Pluspunkte des schönen Werks sind das famose Ensemble, dem Stars wie Barbara Auer, Mark Waschke, Bjarne Mädel und Christian Berkel angehören, und kauzige Protagonistinnen wie eine Tierpflegerin mit Zwangsstörungen oder eine hypochondrische Bestatterin.

Einen warmherzigen Therapeuten wie Max hätten einige im Drama „Weil du mir gehörst“ dringend nötig. Dieser Film, der in der Reihe „klassisch erzählt“ zu sehen ist, tut richtig, richtig weh. Weil Regisseur Alexander Dierbach eine Geschichte erzählt, wie sie im wahren Leben immer wieder passiert. Weil er eindrucksvoll zeigt, wie manipulativ Menschen sein können – und was Erwachsene Kindern antun.

Lügen und Verdächtigungen

„Wir hatten doch gesagt: Nicht vor dem Kind.“ Der Satz des Großvaters klingt wie Hohn: Julia hat nicht verkraftet, dass ihr Ex-Mann Tom eine neue Familie hat – und bringt Tochter Anni auf perfideste Art und Weise dazu, ihren liebevollen Vater zu hassen. Doch Lügen zu Hause reichen ihr nicht. Mit aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen bringt sie ihn auch vor Gericht in Bedrängnis.

Es geht um „verletzte Gefühle, Rache, Eifersucht – die Reste einer ehemals glücklichen Beziehung“. In wenigen Momenten lässt das überragende Hauptdarsteller-Duo – Julia Koschitz und Felix Klare – durchblicken, was sie einmal waren. Umso fassungsloser steht Tom vor dem Scherbenhaufen: „Bitte, Julia, lass uns so nicht enden.“ Nur die Achtjährige möchte der Zuschauer manchmal wachrütteln: Damit neben Traurigkeit und kühlem Trotz auch die Wut mehr Raum bekommt.

Es ist einer von vielen Filmen, die belegen, dass Julia Koschitz den Preis für Schauspielkunst, den sie am Mittwoch in Ludwigshafen verliehen bekommt, verdient hat.

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