Kultur

Festival des deutschen Films „Die Einzelteile der Liebe“, „Electric Girl“ und „Atlas“ konkurrieren um den Hauptpreis in Ludwigshafen

Beziehungsreiche Geschichten

Archivartikel

Niemand lebt für sich allein, der Mensch ist ein Beziehungswesen durch und durch. Deshalb sind eigentlich alle Spielfilme irgendwie Beziehungsfilme. Kinowerke, die etwa von Liebes- oder Familienbeziehungen erzählen, sei es von glücklichen oder mehr noch von problematischen, gibt es entsprechend unzählige – auch aktuelle deutsche, wie das Festival auf der Ludwigshafener Parkinsel in diesem Jahr erneut bestätigt.

Einer davon trägt den beziehungsreichen Titel „Die Einzelteile der Liebe“ und wirkt wie eine Versuchsanordnung. In den Bildern rücken die Personen an den Rand, dafür rückt das Hochhaus, dessen Außenbereich die Handlungsorte bietet, ins Zentrum. Beziehungen, so ließe sich schließen, sind immer auch Resultate ihrer äußeren Bedingungen, und eine davon ist natürlich die Zeit der Handlung. Nicht umsonst spielen die Szenen auch alle draußen – nur einmal wird der Zuschauer in die Diele der gemeinsamen Wohnung versetzt.

Bringt unsere Zeit typischerweise selbstbezogene Ichlinge hervor, als welche die von Birte Schnöink und Ole Lagerpusch verkörperten Hauptfiguren Sophie und Georg durchaus erscheinen können? Das Wachsen ihrer Beziehung, die Nähe scheinen sie zu genießen, lebendiger werden sie geradewegs; als es dann aber zur Trennung kommt, nehmen das beide recht abgeklärt hin. Regisseurin Miriam Bliese ist bemüht, eine Identifikation mit den Figuren zu verhindern. Typen sind das eher, der freie Architekt Georg und die freie Kritikerin Sophie, die dann mit einem Bürojob für den gemeinsamen Lebensunterhalt sorgt.

Und Sophies Sohn Jakob, der zu Beginn kurz vor der Geburt steht und am Ende etwa sechs Jahre zählt, weckt anscheinend auch nicht allzu viele sorgende Gefühle in der Beziehung. Georg ist freilich auch nicht der leibliche Vater. Bliese geht es um die Dynamik von Beziehungen, ihre Figuren werden sichtlich gelenkt, von Umständen und inneren Zuständen – und von der Regie, was zusammen eine irritierende, aber interessante filmische Erfahrung ausmacht.

Formal ebenso ungewöhnlich wirkt der gleichfalls um den Filmkunstpreis konkurrierende Beitrag „Electric Girl“ von Ziska Riemann, ein Film, der immer wieder in einen Comicstrip übergeht. Die Studentin Mia (Victoria Schulz) synchronisiert eine japanische Animationsheldin für die deutsche Filmfassung – und identifiziert sich immer mehr mit ihr, bis zur ausgewachsenen Psychose. Zur Überforderung trägt freilich auch das Familienleben der jungen Frau bei: Der Vater liegt im Sterben, die Schwester drängt, Mia solle die Familie unterstützen.

Helfer einer Superheldin

Mia aber sucht stattdessen die Nähe eines heruntergekommenen Nachbarn (Hans-Jochen Wagner), in dem sie den Helfer der Superheldin Kimiko sieht. Ein rasanter Film ist das, aufregend und auch bedrückend. Kritische Fingerzeige auf eine anstrengende, von Technik bestimmte Zeit finden sich darin – und eine Demonstration davon, was es heute bedeuten kann, im Alltag zum Helden zu werden.

Der von David Nawrath inszenierte Spielfilm „Atlas“ kommt dagegen sehr viel konventioneller daher. Ein typischer Beziehungsfilm ist das trotzdem nicht, eher schon ein sozialkritischer Krimi. Im Zentrum steht einer, der buchstäblich viel zu tragen hat: Der vom ehemaligen Nationaltheater-Mimen Rainer Bock gespielte Walter ist ein in die Jahre gekommener Möbelpacker. Bei Räumungsklagen hilft er mit, denn sein Auftraggeber handelt im Auftrag krimineller, einzig gewinnorientierter Vermieter, die leere und deshalb leichter verkäufliche Immobilien bevorzugen.

Walter trägt im Grunde auch den ganzen Film, und Schauspieler Bock, Beleg seiner Klasse, scheint dies nicht einmal viel Mühe zu bereiten. „Jeder lädt sich seine Last selber auf, jeder muss sie auch selbst tragen“, sagt er. Was diesen Mann aber vor allem belastet, das ist seine unaufgearbeitete Beziehung zu seinem Sohn, den er kaum kennt – der aber auch einer der Mieter ist, die es nach dem Willen des Auftraggebers zu vertreiben gilt. Das führt zu allerlei auch tragischen Verwicklungen, welche die Regie souverän und übersichtlich und mit Sinn für Dramaturgie und starke (also tragende) Bilder zu handhaben weiß. Menschliche Beziehungen sind sehr vielfältig und unterschiedlich – und die Festivalfilme, die sich ihnen widmen, sind das ebenso.

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