Kultur

Ausstellung Hannah Ryggens politisches Werk ist in der Frankfurter Schirn zu sehen

Bildteppiche auf der Wäscheleine

Die Narbe am unteren rechten Bildrand ist gut sichtbar. Sie erinnert an den Anschlag des Rechtsterroristen Anders Breivik, der 2011 erst im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe zündete, bevor er auf einer nahen Insel ein weit größeres Massaker anrichtete. So wurde auch der Wandteppich von Ryggen beschädigt, der im Regierungshochhaus hängt. Das ist umso makabrer, da es sich nicht um eines der typisch politischen Werke der Künstlerin handelt, sondern um ein optimistisches Bild, das an die Macht der Liebe appelliert.

Jetzt hängt der hohe und blaurote Wandteppich von 1958 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle am Ende einer Ausstellung über Hannah Ryggen (1894-1970). Die war bis in die 60er Jahre gut bekannt im internationalen Kunstbetrieb. Später wurde sie nicht vergessen, aber dem Kunsthandwerk zugeordnet – und verschwand damit aus dem Blickfeld der Kunst, wie Schirn-Chef Philipp Demandt kritisch anmerkt. Erst 2012, im Rahmen der Kasseler Documenta 13, wurde ihr Werk wieder vorgestellt. Nun hat Ryggen mit 25 ihrer monumentalen Teppiche einen großen Auftritt, denn die Schau verdankt sich dem diesjährigen Gastland Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse. Allerdings wurde die Künstlerin in Schweden geboren und zog der Liebe wegen nach Norwegen. Sie sah sich selbst als schwedisch, ihre Kunst als norwegisch.

Aber sie kritisiert die ganze Welt, teils aus politischer, teils aus persönlicher Sicht. Dass das Persönliche auch politisch ist, wird eingangs an zwei frühen Werken deutlich. Im ersten Bild zeigt Hannah Ryggen ihr entbehrungsreiches Leben auf dem Bauernhof. Im zweiten Bild schildert sie drastisch die Misere während der Weltwirtschaftskrise in den 30ern.

Flammende Manifeste

Aber die Banker treiben ihr „Fischen im Schuldenmeer“ weiter, wie das Werk zeigt. Ryggen ließ das Zeitgeschehen nicht kalt und klagte an. Sie wob viele flammende Manifeste zur Politik samt ihren Bösewichten wie Hitler und Mussolini. Hannah Ryggen war also eine nordische Käthe Kollwitz. Um mit ihrem Anliegen viele Menschen zu erreichen, wechselte sie vom Malen zum Weben. Um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, hängte sie während der Besatzung Norwegens durch die Deutschen ihre Bildteppiche auf die Wäscheleine vor das Haus – gut sichtbar für die Wehrmacht.

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