Kultur

Filmfestival Retrospektive zeigt „Am Rande der Nacht“

Bis in die Unterhosen

Selbst tagsüber wird Paris in diesem Film nicht hell, die Stadt bleibt schmutzig grau. Es regnet meist aus Kübeln. Aber Tag wird es in „Tchao Pantin“ – Regie führt Claude Berri – ja ohnehin so gut wie nie. „Am Rande der Nacht“ hat man diesem Film noir von 1983 hierzulande als Verleihtitel verpasst. Das Set-Design stammt von dem legendären Alexandre Trauner, der um 1940 Film-Ikonen wie „Hafen im Nebel“ und „Die Kinder des Olymp“ entscheidend mitgestaltet hatte. Und hier untermauert, dass er neben dem poetischen auch den kaputten Realismus herzustellen wusste: ein Triumph der Tankstellen-Ästhetik. Wir betreten eine Welt mit einem Ex-Cop, der mit allem abgeschlossen hat. Sein ganzes Leben ist wie eine lange Nachtschicht. Seine Schnaps-Bouteille ist seine liebste Zapfsäule.

Jeder stirbt für sich allein

Wie sehr Claude Berris Film den Geist der Zeit nicht nur erfasst, sondern zu einer visionären Konstruktion der Wirklichkeit verdichtet und dabei die dunklen Ränder der Gesellschaft in den Blick nimmt, lässt sich heutzutage fast noch deutlicher erkennen. Sogar online. Gut, dass er in der Retrospektive, die sich mit der zweiten „Nouvelle Vague“ in Frankreich auseinandersetzt, beim Mannheim-Heidelberger Filmfestival wieder zu entdecken ist. Mag die Geschichte um den Säufer, der einmal ein Law-and-order-Bulle war (und „Blau-Weiß-Rot bis in die Unterhosen“, wie er sagt), auch ihre Unwahrscheinlichkeiten haben, weil der „Held“ trotz allem eher schlecht zu seinen neuen Weggefährten passt: dem jungen Drogen-Dealer und der Punkerin, gespielt von Richard Anconina und Agnès Soral.

Coluche, von Haus aus eher Komiker, verleiht dem Ex-Cop etwas Stoisches, fast Jean-Gabin-haft Statuarisches. Aber das passt schon, jeder stirbt eben für sich allein. Oder, um einen Dialog-Satz zu zitieren: „Jedem seine Scheiße.“ Eine suggestive Lakonie herrscht vor, da ist die Bett-Szene am Schluss zwischen dem Tankwart und der Punkerin, in der er ihr sein vollständig verkorkstes Leben offenlegt, beinahe zu geschwätzig. Doch das sind bloß eineinhalb Minuten – von insgesamt hundert. 

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