Kultur

Museum Große Neueröffnung der Mannheimer Kunsthalle bezieht auch den Altbau mit ein – Drei Ausstellungen über die Geschichte

Blick zurück mit Sachverstand

Archivartikel

Zukunft braucht Herkunft. Denn wohin wir zu gehen vermögen, hängt eben auch davon ab, woher wir kommen und wo wir nun gerade stehen. Die Mannheimer Kunsthalle macht daraus ein Programm: Sie ergänzt ihre als „Grand Opening“ apostrophierte Eröffnung des längst das Stadtbild prägenden Neubaus am 1. Juni durch drei Ausstellungen im immer noch ansehnlichen Jugendstilaltbau; und diese beschäftigen sich mit der Geschichte des Museums, zuallermeist illustriert durch bekannte Werke der Museumssammlung, aber auch durch einige besondere Leihgaben.

Direktorin Ulrike Lorenz betonte bei der gestrigen Pressekonferenz noch eigens, wie wichtig dem Kunsthallen-Team eben auch die Institutsgeschichte sei und die Frage, was dieses Kunsthaus einmal war, das sich nun bald als „Museum in Bewegung“ präsentieren und direkt in die Gesellschaft hineinwirken soll. Ein Ort der Besinnung und des Freiraums war es, wie jedes Kunstmuseum. Und wie andere deutsche Institutionen erlebte auch die Kunsthalle den Kulturbruch des Nationalsozialismus als eine starke Zäsur.

Raubkunst im Blick

Die erste Ausstellung im Obergeschoss des von Hermann Billing entworfenen Jugendstil-Baus widmet sich deshalb unter dem Titel „(Wieder-)Entdecken“ der Raubkunst und Provenienzforschung. Herkunftsforscher Mathias Listl hat die zwangsläufig etwas textlastige Schau thematisch auf drei Räume verteilt. Zunächst geht es um die gut 570 Werke, die das Museum abgeben musste, weil sie als „entartete Kunst“ galten, sowie um Werke, welche das Museum in der unrühmlichen Propaganda-Ausstellung „Kulturbolschewistische Bilder“ präsentierte. Xaver Fuhrs „Friedhof“ oder Rudolf Schlichters „Porträt Egon Erwin Kisch“ zählten dazu, die später wieder angekauft oder dem Museum (neu) gestiftet wurden.

Danach geht es um die jüdischen Mäzene des Museums, die der Kunsthalle auch nach 1945, aus der Emigration heraus, verbunden blieben, illustriert etwa an den von Sally Falk geschenkten Wilhelm-Lehmbruck-Büsten. Der dritte Ausstellungsteil erzählt anhand markanter Beispiele – Oskar Schlemmers „Tischgesellschaft“ oder Ernst Barlachs „Geistkämpfer“ – Werkgeschichten nach und macht die Herkunftssuche an sich selbst anschaulich. Die Kunsthalle integriert so als eines der ersten deutschen Museen die Provenienzforschung in seine Sammlungspräsentation.

Als ein führendes Museum sowohl vor als auch nach der Zeit des Nationalsozialismus hat die Kunsthalle auch regelmäßig mit maßstäblichen Ausstellungen von sich reden gemacht. Die Schau „Neue Sachlichkeit“ prägte 1925 bekanntlich einen Stil-und Epochenbegriff. Unter dem Titel „Erinnern. Aus der Geschichte einer Institution“ wird diese Ausstellung anhand markanter Werkbeispiele von Otto Dix, Georg Schrimpf oder Alexander Kanoldt ebenso illustriert wie die späteren „Eine neue Richtung in der Malerei“ (1957) sowie „Der ausgesparte Mensch“ (1975). Die erstgenannte Schau präsentierte informelle Werke von Emil Schumacher oder Otto Greis, die Letztere war thematisch ausgerichtet und versammelte solche Arbeiten, die auf Menschen anspielen, sie aber gerade nicht zeigen, wie etwa Joseph Beuys’ „Filzanzug“. Kuratorin Inge Herold hat dabei tatsächlich in den erwähnten Ausstellungen gezeigte Werke mit anderen, gleichfalls in den Kontext passenden Sammlungsstücken kombiniert. Und als Denkanstoß werden noch weitere, mehr oder weniger klar sich einfügende jüngere Arbeiten gezeigt.

Die ältesten Werke präsentiert das Museum dann im Erdgeschoss. Thomas Köllhofer, Leiter der Graphischen Sammlung, hat eine kleine Schau mit großteils grafischen Arbeiten des Hofmalers Carl Kuntz (1770-1830) zusammengestellt, die zum ältesten Bestand der Museumssammlung zählen. Der Untertitel der Schau, „Zwischen Idylle und Realismus“, umschreibt die stilistische Besonderheit des noch heute gefragten Künstlers recht genau, der besonders durch nuancierte, kraftvolle Gestaltungen beeindruckt und sich nicht zuletzt diversen Ansichten des Schwetzinger Schlossparks gewidmet hat. Man ersieht daran: Grund zur Vorfreude auf das neue Museum, das trotz allem Aufbruch und Blick nach vorn auch die alte Mannheimer Kunsthalle ist und bleiben wird, gibt es reichlich.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/kunsthalle

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