Kultur

Kunst Die 59. Biennale in Venedig lädt zu einem gigantischen Kunst-Parcours ein / Bis 24. November geöffnet

Blutwischer, Steine, Schiffe

Archivartikel

Auf der Kunst-Biennale in Venedig herrscht buntes Treiben. Vor Großbritannien: eine Schlange. Vor Frankreich: eine noch längere. Vor dem deutschen Pavillon nebenan wirkt es dagegen verwaist. Das Hauptportal: dicht. Durch Seiteneingänge gelangt man in Räume, die heruntergekommen sind. Nur wenig Tageslicht fällt hinein. Große Steine liegen auf dem Boden. Eine Wand, gebaut wie ein Staudamm, zieht sich bis knapp unter die Decke. Dahinter schwirren Klänge durch den Raum: elektronische Beats, Trillerpfeifen.

Es geht hier um Migration, Zusammenleben und vielleicht auch um ein Deutschland, das durch seine Zuwanderungspolitik geworden ist wie der Pavillon: weniger einladend. Die Künstlerin hat ihren Kopf in einer steinartigen Skulptur versteckt und ihren Namen angepasst, eingedeutscht könnte man meinen. Natascha Süder Happelmann. Sie treibt ein Spiel mit Identitäten. Kategorien und Zuschreibungen werden infrage gestellt. Doch all das bleibt dem Betrachter verborgen. Erklärt wird – abgesehen vom ausliegenden Katalog – nichts. Und wer nicht bei der Einweihung des Pavillons war, wird die Figur mit dem Steinkopf schwer zu sehen bekommen. Der deutsche Beitrag passt aber zum Motto, mit dem die 58. Ausgabe des Mega-Kunstevents überschrieben ist: „May You Live In Interesting Times“ (Man möge in interessanten Zeiten leben). Kurator Ralph Rugoff hat darauf verzichtet, ein festes Thema zu wählen. Biennale-Präsident Paolo Baratta hatte betont, die Ausstellung müsse „offen und grenzenlos“ bleiben. Damit haben die Künstler viel Raum bekommen. Auch für schwierige Themen.

Eine Herausforderung

Die Größe und Komplexität der Biennale ist nicht nur für den Besucher eine Herausforderung. „Es ist, als würde man einen zehnstündigen Film statt einen zweistündigen machen, denn die Kunst-Biennale ist fünfmal größer als jede andere normale Ausstellung“, sagte Kurator Rugoff in einem Interview. Für die zwei Teile der Hauptausstellung hat der US-Amerikaner rund 80 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt eingeladen, ihre Werke in den Gärten Giardini della Biennale und dem alten Industrie- und Werftgelände Arsenale zu präsentieren. Hinzu kommen Beiträge von etwa 90 Nationen.

Für Gesprächsstoff, gar Protest sorgte vor dem offiziellen Start der Biennale an diesem Samstag ein Objekt. Besser gesagt: ein Wrack. Es ist das blau-braune Boot, mit dem im April 2015 Flüchtlinge von Libyen aus nach Europa gelangen wollten. Schätzungsweise starben bei dem Versuch 800 Menschen, möglicherweise noch mehr. Gegenüber von kaffeetrinkenden Besuchern steht das Boot wie ein Mahnmal am Wasser. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel hat es unter dem Namen „Barca Nostra“ (Unser Boot) ausgestellt. Kritik kam von Italiens rechter Regierungspartei Lega.

Roboter im Glaskäfig

Schon für die Vorbesichtigungstage sind neben den Künstlern Massen an Journalisten, Sammler, Kunst- und Partybegeisterte in die italienische Lagunenstadt gekommen, um sich die Schau anzusehen, die bis zum 24. November läuft. So viel Kunst auf einmal droht einen zu erschlagen. Einige Werke lassen den Betrachter ratlos zurück. Andere sind womöglich zu eindeutig, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Aus der Masse sticht ein schwarzer Industrie-Roboter hervor, der in einer Art Glaskäfig sein Werk verrichtet. Es sieht aus wie Blut, das da gegen die Scheibe klatscht, sobald der Roboter mit einer Art Wischer am Ende seines Arms wieder ein bisschen der roten Suppe in die Mitte des Raums kehrt. Aber selbst das programmierte Gerät schafft es nicht, die Flüssigkeit unter Kontrolle zu halten. „Can’t Help Myself“ (Ich kann mir nicht helfen) haben die chinesischen Künstler Suan Yuan und Peng Yu das Werk genannt, für das sie dem Roboter 32 Bewegungen beigebracht haben. Sie haben etwas überraschend Graziles.

Videokunst gibt es zum Beispiel von der deutschen Künstlerin Hito Steyerl zu sehen. Auf Stegen, wie sie in Venedig bei Hochwasser eingesetzt werden, wandelt man zwischen digitalen Blumen eines in der Zukunft verlorenen Gartens. Videos laufen auf verschiedenen Projektionsflächen ab. Es geht um Zukunftsvorhersagen durch künstliche Intelligenz, um ihre Gefahr und Unzuverlässigkeit. Neben dem Klimawandel werden sowohl in der Hauptausstellung als auch in den Länderbeiträgen immer wieder Identität, Herkunft und Tradition thematisiert.