Kultur

Ludwigsburger Schlossfestspiele Schostakowitschs 13. Sinfonie zum Auftakt

Bombastisch-expressive Komposition

Die Eröffnungsrede zum Auftakt der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele hielt der 32-jährige russisch-deutsche Pianist Igor Levit, Professor für Klavier an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Und das nic®ht von ungefähr. Siedelte doch der in Gorki Geborene als Achtjähriger mit seiner jüdischen Familie von Russland nach Hannover über, wo er später, außer am Mozarteum in Salzburg, studierte. Und stand im Forum am Schlosspark mit der 1961/62 entstandenen 13. Sinfonie in b-Moll op. 113 ein Werk von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm, in dem sich der Komponist in fünf Sätzen für Bass, Männerchor und Orchester mit dem Text von Jawgeni Jewtuschenko, mit dem Antisemitismus in der Sowjetunion beschäftigt.

Die Freiheit der Kunst postulierte auch Igor Levit, der zum Schluss seiner Rede Thomas Wördehoff, den nach zehn Jahren scheidenden Intendanten des Festivals würdigte. Dabei führte er aus, dass diese Freiheit nicht für Beliebigkeit oder Willkür steht, sondern für Verantwortung. Und er betonte, dass Kunst politisch ist.

Nachdem zunächst der finnische Männerchor Ylioppilaskunnen Laulajet, unter der musikalischen Leitung von Pasi Hyökki, sechs Kompositionen von Jean Sibelius, Leevi Madatoja, Selim Palmgren und Christian Lahusen, sowie ein traditionelles Lied aus der Ukraine, in der Bearbeitung von Vasyl Barvinsky, zum Vortrag gebracht hatte, ging es wieder in die Ukraine. Denn in Babi Jar, einer Schlucht auf dem Gebiet der Hauptstadt Kiew, fand 1941 eines der größten Massaker der deutschen Wehrmacht an Juden statt, dem am 29. und 30. September mehr als 33 000 Menschen zum Opfer fielen. Dieser Massenmord wurde auch in der Sowjetunion totgeschwiegen, mit dem Ergebnis, dass erst 1976 ein erstes Denkmal errichtet wurde. Dabei hatte bereits 1944 Ilja Ehrenburg in einem Gedicht an die Opfer erinnert. 1961 gelang dem damals 29-jährigen, in Sibirien geborenen Jewegeni Jewtuschenko mit seinem Gedicht „Babi Jar“ der Durchbruch als Autor. Dieses Gedicht regte Dmitri Schostakowitsch zur Komposition seiner 13. Sinfonie an, die schließlich nach vielerlei Schwierigkeiten – die mit dem damaligen Antisemitismus in der Sowjetunion zu tun hatten – am 18. Dezember 1962 im Großen Saal das Moskauer Konservatoriums uraufgeführt wurde.

Dabei vertonte der Komponist nicht nur das Gedicht „Babi Jar“, sondern auch weitere aus der Feder Jawtuschenkos – „Humor“, „Im Laden“, „Eine Karriere“ und des eigens dafür geschriebene, mit dem Titel „Ängste“.

Der erste der fünf Sätze von Schostakowitschs 13. Sinfonie ist nicht nur dem Massaker von Babi Jar gewidmet. Vielmehr bringt er das Leiden der Juden vom Auszug aus Ägypten über die Dreyfus-Affäre und das Pogrom von Bialystok bis zum Schicksal der Anne Frank zu Gehör. In den weiteren Gedichten setzt sich der Komponist mit dem Leben in der Sowjetunion auseinander, mit der Zeit unter Stalin, mit sowjetischen Frauen – und auch die Satire darf nicht fehlen.

Hatte Dmitri Schostakowitsch seit seiner dritten Sinfonie auf die Einbeziehung der menschlichen Stimme verzichtet, so spielt sie jetzt mit dem Gesangssolisten – in Ludwigsburg der fulminant-profunde Bass René Pape – und dem überwiegend einstimmig singenden Chor wieder eine entscheidende Rolle.

Ausdrucksstark bringt das Orchester der Schlossfestspiele, unter der reich differenzierenden Leitung seines finnischen Chefdirigenten Pietari Inkinen, die bombastisch-expressive Komposition Schostakowitschs zum Klingen und setzt damit, sowohl thematisch als auch musikalisch, einen hohen Anspruch an die Ludwigsburger Schlossfestspiele, deren Thema „Alles auf Anfang ...“ lautet.

„Eingedenk der Gräben, die sich zunehmend zwischen den Mitgliedern der EU auftun“, wie Thomas Wördehoff meint. Und das ist dann das politische Moment der Kunst. Dieter Schnabel