Kultur

Tag 2 bei "Rock am Ring"

Brachiale Härte, zarter Groove

Archivartikel

Beharrlichkeit zahlt sich aus – auch am Nürburgring. Denn wenngleich es der Wettergott mit den 70.000 Fans bei „Rock am Ring“ am Premierentag nicht gut meinte, zeigt sich um 14 Uhr zumindest schon einmal ein zartes Grau am Eifelhimmel. Und obwohl diese Uhrzeit für die Ringrocker der Nation, die bis in den frühen Morgen feierten, bestenfalls als Frühstückszeit gilt, hat sich schon eine beachtliche Menge vor der „Crater Stage“ versammelt, als die Briten von „Bury Tomorrow“ aufmarschieren. Das Quintett aus Southampton macht seinem Namen auch gleich alle Ehre und versorgt die noch leicht müden Ohren mit einer satten Portion epischem Metalcore. Die Fans nehmen es dankbar hin, eröffnen die ersten Circlepits des jungen Mittags und stimmen sich so langsam ein auf einen Tag, der mit satten Kontrasten aufwarten sollte.

Harte Kontraste mit Wirkung

Denn während „Black Stone Cherry“ mit ihrem Kentucky-gestählten Hardrock glänzen, hüpft auf der Hauptbühne schon die Power-Röhre Beth Ditto über das Parkett, um die ersten Sonnenstrahlen mit wilden Tänzen zu begrüßen. Es passt zur Logik dieses Tages, dass sich diese schrillen Gegensätze unvereinbar gegenüberstehen – nach einem ersten Tag, der vielen Fans die Entscheidung schwer machte, welche Bühne sie nun besuchen sollten, ist das Urteil am Festival-Samstag eindeutig: Entweder dem harten Progressive von „Shinedown“ lauschen, oder die zarten Rock-Sounds von „Kettcar“ verfolgen, die brachiale Härte von „Bullet for my Valentine“ genießen, oder zu „Snow Patrol“ schmusen lernen. Wobei Letzteres verlustfrei nur schwer zu haben war. Denn obwohl die Schotten um Frontmann Gary Lightbody es an den ganz großen Gefühlsausbrüchen ihrer Karriere wie „Run“, „Heal Me“ oder „Chasing Cars“ nicht missen lassen: Der Hauptsänger des Quintetts zeigt sich während des ersten Deutschlandkonzerts seit sechs Jahren derart schwach auf der Brust, dass er der sehnsüchtigen Menge zwar einen netten, aber keineswegs erstklassigen Auftritt offeriert.

Ein einsamer Spitzenreiter

Ganz im Gegensatz übrigens zu den isländischen Pop-Stars von „Kaleo“, die sich pur und schnörkellos zu ihrem verträumten Folk Rock bekennen und damit die ungeteilte Begeisterung ernten. Im Übergang vom frühen Abend in die beginnende Nacht sind „Kaleo“ so der perfekte Wegbereiter für alle, die sich – endlich – einen ersten starken Headliner wünschten, und damit nicht unerhört bleiben sollten. Denn wenngleich viele „Muse“ gedanklich längst in das Museum der Rockgeschichte verlagert haben: Matthew Bellamy, Dominic Howard und Christopher Wolstenholme nutzen die 90 Minuten ihrer Show geradezu königlich, um ihr Manifest zwischen Prog und Alternative Rock zu entfalten, das auch ohne gigantomanische Effekte voll und ganz zieht. „Parkway Drive“ und „Avenged Sevenfold“ müssen in der angebrochenen Nacht mit opulenten Pyroeffekten so nur noch den Deckel draufmachen und eine Menge zum Abschlusstag ins Bett schicken. Das Finale wartet.

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