Kultur

Das Interview Hans Zehetmair über 20 Jahre Rechtschreibreform und Orthografie als Mittel im Kampf gegen Manipulation

Braucht man korrekte Schreibung noch?

Archivartikel

Vor 20 Jahren war sie Thema auf Schulhöfen wie vor Gerichten: Die Rechtschreibreform war in Politik und Gesellschaft umstritten wie nur wenige Themen. Inzwischen ist sie ein Fall für die Chronik. Braucht man korrekte Orthografie überhaupt noch in Zeiten des Internets?

Hans Zehetmair hat diesen Kampf um die Rechtschreibung erlebt. Zwölf Jahre lang war er Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, 17 Jahre Minister in Bayern: zuerst Kultus-, dann Wissenschaftsminister. Anlässlich des 20. Jahrestags der Einführung der Rechtschreibreform zieht der CSU-Politiker Bilanz und erklärt, warum man auch heute noch korrekt schreiben können sollte.

Herr Zehetmair, 20 Jahre Rechtschreibreform, es ist ruhig geworden um das Thema. Wie sehen Sie es heute?

Hans Zehetmair: Es war eine aufregende Zeit. Es wurde über die Wichtigkeit der Sprache diskutiert, das begrüße ich. Die Bilanz ist gut.

Man hat den Eindruck, korrekte Sprache ist heute nicht mehr so wichtig, sie verschludert ein bisschen …

Zehetmair: Die Bedeutung hat abgenommen, umso wichtiger ist es, dass es noch Rufer in der Wüste gibt. Wenn man will, dass ein junger Mensch auch zur Persönlichkeit reift, ist es wichtig, dass er sich artikulieren kann.

In manchen Ländern müssen Schüler nicht mal mehr mit der Hand schreiben, es geht alles über Tastatur und Internet – welche Relevanz hat Rechtschreibung heute noch?

Zehetmair: So schlimm ist es nicht um die Schulen bestellt. Natürlich hat sich einiges geändert, es gibt die Gefahr der Oberflächlichkeit. Umso mehr brauchen wir die Verwurzelung in gesprochener und geschriebener Sprache.

Beobachten Sie noch die Entwicklung der Rechtschreibung?

Zehetmair: Wenn man sich einmal dieser Sache verschrieben hat … Ich verfolge das noch, vor allem in Bayern. Ich stelle mit Genugtuung fest, dass Familien und Schulen doch auf eine gewisse Korrektheit achten. Eine korrekte Rechtschreibung ist auch symptomatisch für die Gesellschaft.

Können Sie diesen Gedanken noch weiter ausführen?

Zehetmair: Wir leben in einer Zeit, in der wir immer mehr der Gefahr der Manipulation unterliegen. Umso mehr ist gefordert, dass der Mensch sich behauptet und durchsetzt, gebildet wird. Es ist schon sehr wichtig, dass es auch ein Stück Stolz ist, ein Image, eine Marke, dass man orthografisch gut dabei ist, sich beteiligt und Beiträge leistet.