Kultur

Literatur Georg Kleins neuer Roman „Miakro“ ist keine leichte Strandlektüre, aber ein beeindruckendes Buch

Büro als lebender Organismus

„Mit etwas Glück entdeckte man die dunkle Feldtasche eines Wandlers an das käsige Weiß eines Ganges gelehnt, neben oder unter einem feucht aufklaffenden Querspalt, in den sich der fragliche Kuttenträger von Kopf bis Fuß, vom Kragen seines langen, groben Gewandes bis zu dessen Saum hineingeschoben hatte, um irgendeine undurchschaubare Arbeit zu erledigen. Oder man hörte den Wandler, mannstief in eine Hohlwurzel abgeseilt, unverständlich vor sich hin werkeln.“

Wo sind wir hier, was ist hier los? Die erste Frage lässt sich leicht beantworten: im neuen Roman von Georg Klein. Bei der zweiten wird es schwieriger: Wer den Plot des Buchs in einfache Worte zu fassen versuchte, geriete in keine geringe Verlegenheit. Denn worum es in dem Roman geht, bleibt bis zuletzt ein Rätsel.

Eine Denksportaufgabe ist schon der Titel. Offenbar ist „Miakro“ ein Wort, für das die Linguisten den Begriff Kontamination verwenden – die Verschmelzung von Bestandteilen zweier Wörter, in diesem Fall: Mikro und Makro. Man könnte an die Bipolarität von Mikro- und Makrokosmos denken, das philosophische Konstrukt der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Philosophie.

Apokalyptische Züge

Was sich gesichert sagen lässt, ist, dass der Roman den Leser in eine fantastische Welt entführt, wie sie sich wohl nur Georg Klein, der Meister des Fantastischen in der deutschen Gegenwartsliteratur, auszumalen vermag. Wahlweise wurde das Buch mit Texten von Kafka, Robert Walser („Der Gehülfe“) und Stanislaw Lem verglichen. Zugrunde liegt ganz offenbar ein postapokalyptisches, dystopisches Setting.

Die Welt nach einer atomaren Katastrophe? Jedenfalls wurde tief in der Erde ein „Mittleres Büro“ eingerichtet, das ins Biomorphe spielt, wenn es mit elastischen Wänden ausgestattet ist und sich ständig verändert. „Nährflure“ „wanden“ Lebensmittel für die Arbeiter „aus“; doch werden auch Dinge und sogar Menschen „eingewandet“, mit anderen Worten: verschluckt und entsorgt.

Ist das Büro der Bauch eines riesigen Organismus, der von den Büromenschen am Leben gehalten wird? Jahraus, jahrein verrichten sie an Glastischen „Glasarbeit“, wobei unklar bleibt, was man darunter zu verstehen hat. Als Nettler, der das Büro leitet, mit einigen Kollegen die Schleuse zur Außenwelt passiert, befinden sie sich in der „wilden Welt“, einer Landschaft mit „Bitterseen“ und Riesenpilzen, die von diebischen Frauen bevölkert wird.

Andererseits ist die Naturkontrollagentin, Frau Fachleutnant Xazy, mit dem Auftrag unterwegs, das „große Unding“ zu erforschen. Ist es mit dem Mittleren Büro identisch? Lauter Fragen.

In einem Interview äußerte Georg Klein Sympathie mit einer Deutung, die in der fantastischen Realität des Romans eine Verbildlichung der modernen Arbeitswelt erblickt, die den Menschen aufsaugt und noch seine Freizeit in Beschlag nimmt. Wie auch immer: Es ist eine düstere, nicht richtig greifbare Welt – und Kleins Buch jedenfalls keines, das sich eben mal so nebenbei lesen lässt. Dessen Lektüre ein ziemlich zähes, nichtsdestoweniger aber lohnendes Geschäft ist.