Kultur

Bye bye, Tagebuch!

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

ich will Sie heute direkt ansprechen: Liebe Leserinnen und Leser, schön, dass es Sie gibt! Ich liebe es, Zeitung zu lesen. Ich liebe es, in Cafés Menschen mit einer Zeitung in den Händen zu beobachten. Am schönsten ist es, wenn jemand beim Lesen laut auflacht, das durfte ich einmal in Konstanz erleben.

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Als Corona die Welt zum Stillstand brachte, auf einen Schlag, wie kaum einer es zuvor alpgeträumt hätte, entstand nach einem Interview mit Kulturchef Stefan M. Dettlinger die Idee für dieses Tagebuch.

Seither lasen Sie mich fast täglich. Doch auch ich las Sie fast täglich. In Ihren herzlichen und wachen Briefen, auf Twitter oder Instagram. Ich hätte nicht erwartet, dass wir so lange „im Gespräch“ bleiben. Für Sie jeden Morgen auf Themensuche zu gehen, war eine unvergessliche Erfahrung. Mein erster Impuls war: Ich will als Autorin etwas geben in dieser schwierigen Zeit - das, obwohl gerade Künstlerinnen ja nie „nur nützlich“ sein wollen, lieber zweckfrei, aber unverzichtbar.

Und was geschah? Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben mir viel zurückgegeben: Kluge Gedanken, kritische oder einfach auch schöne Post, wie etwa: „Ich fange jetzt meinen Zeitungsmorgen mit Ihnen an!“ Oder das Gegenteil: „Ihre Kolumne hebe ich mir für den Schluss auf, wie ein Dessert!“ Es hat mich berührt, wie berührbar Sie waren.

Ich habe nicht ohne Grund die Kolumnen auch gesprochen. Vor kurzem hat die Mannheimer Abendakademie geschätzt: Allein in Mannheim leben wohl 30 000 Analphabeten und Menschen, die Texte nicht zusammenhängend lesen können. Wie viele Menschen nicht oder nur schlecht lesen können, das beschäftigt mich schon lange. Ein Land, das sich Bildung für alle leisten könnte, leistet sich stattdessen, mehr als sechs Millionen Menschen außen vor zu lassen. So viele sind es in Deutschland. Ich weiß nicht, wie ich die Welt erfahren hätte, wenn ich nicht lesen könnte. Sie und ich, wir wissen, was für ein Geschenk das Lesen ist.

Es ist Zeit, das Tagebuch zu schließen. „Die neue Normalität“ hat uns wieder. Ich danke der wunderbaren Redaktion des Mannheimer Morgen, Print wie Online, für diese spontane Zusammenarbeit. Ich danke Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für die Offenheit.

Ab jetzt bleiben Sie bitte einfach ein für allemal gesund, bis wir das ganz normale Leben wiederhaben. Nur ein bisschen besser als zuvor. Unser Austausch war mir ein Fest!

Das Tagebuch als Podcast bei Spotify und Deezer.

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