Kultur

Danken ist nur der Anfang

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich liebe Sonntagsspaziergänge. Spaziergänge überhaupt. Bewusst wurde mir das, als ich im Studium den Schweizer Schriftsteller Robert Walser entdeckte, für den Spaziergänge ein Weg heraus aus der Wirklichkeit waren, die ihn umgab. In seiner kleinen Erzählung „Der Spaziergang“, die kaum hundert Seiten lang ist, begleitet man ihn, wie er durch sein Städtchen spaziert. Er ist schwärmerisch dabei, melancholisch, humorvoll, er spricht (wirklich oder imaginiert?) in Buchhandlungen, der kleine Alltag eben. Robert Walsers Figuren und Walser selbst waren berührend und tragisch, in diesen Zeiten lese ich seine Miniaturen gerne wieder.

Meine Sonntagsspaziergänge führen mich an den Neckar, wo derzeit, direkt am Ufer, eine Schwänin nistet. Meist spaziere ich vorbei, während sie schläft, ihren weißen, langen Hals elegant über den noch weißeren, geputzten Federkörper gelegt. Es ist ein tröstliches Bild, das Weltgeschehen weit weg, die derzeitige Hysterie unwirklich. Sie ist Mutter wie immer, sie brütet ihre Eier wie immer. An der Straße oben hat jemand ein Schild ausgehängt: „Nur Idioten füttern die Schwäne, das zieht Ratten an und gefährdet die Eier!“

Das Schild, das der Unbekannte aufgehängt hatte, erzählt von seiner Wut auf die Sorglosigkeit der Spaziergänger, die es gut meinen, aber keine Ahnung von der Natur der Dinge haben. Ich mag diesen Unbekannten, weil ihn die Welt so anfasst, weil ich ihn vor mir sehe, wie er zuhause sein Schild bastelte, es an den Neckar trägt, um die Schwänin und ihr Nest zu schützen. Wie vielen es leicht fällt, ihre Liebe und Fürsorge Tieren zugutekommen zu lassen, während man Menschen gegenüber ruppig ist und sich oft Grobes zumutet.

Ich erzähle Ihnen von der Schwänin, weil der Muttertag die Kraft der Liebe und Sorge für andere feiert. Für Mütter ist derzeit jedoch nichts wie immer. Und ihre Liebe und Sorge wird missbraucht, weil sich im Notfall eben doch die Mutter kümmert. Zu wenige fordern derzeit Maßnahmen für Familien, schreiben Wutschilder für sie. Die Sorgearbeit bleibt oft an den Müttern hängen. Das zu ändern, ist wichtig, gerade jetzt, während der Pandemie. Sich bei Müttern nicht zu bedanken, weil man progressiv sein will und Angst hat vor Mutterkult, wäre aber falsch. Danken ist nur der Anfang. Bleiben Sie gesund.

Jagoda Marinic

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