Kultur

Geburtstag Der Schriftsteller und Dichter Wolf Wiechert wird am heutigen Samstag 80 Jahre alt / Lyrik nach wie vor sehr wichtig

„Das Einzige, was hängen bleibt“

Archivartikel

In den Wald geht er immer noch, um Holz zu machen, und auch die Gartenarbeit schätzt er. Er spricht von der „Dialektik des Elementaren und des Geistigen“, wenn er die körperliche Arbeit in der Natur ins Verhältnis setzt zu seinem Schaffen als Dichter, Schriftsteller, Poet. „An guten Tagen sind beide Seiten im Gleichgewicht“, sagt Wolf Wiechert. Am heutigen Karsamstag wird er 80 Jahre alt.

Nicht versteckt, aber geborgen

Für das Leben auf dem Land hat Wolf Wiechert sich schon vor 40 Jahren entschieden, als er das damals 200 Jahre alte Bauernhaus im Nassiger Dorfteil Steingasse kaufte und gemeinsam mit der Familie sorgsam restaurierte. In einem warmen Gelb präsentiert es sich seither, und wenn man auf der Dorfstraße nach Wessental nicht zu eilig unterwegs ist und aufmerksam nach rechts Ausschau hält, kann man im Vorbeifahren auch von hier einen Blick darauf erhaschen. Nicht versteckt, aber doch geborgen liegt es dort am Rande des Dorfes, am nah vorbei murmelnden Wildbach und mit direktem Zugang zu Feld und Flur.

Dass in einem solchen Haus im Winter mit Holz geheizt wird, natürlich auch aus dem eigenen Wald, überrascht nicht. Die Bewahrung des Teils des Alten, der immer schon gut war, und die Nachhaltigkeit des eigenen Handelns mögen Pate gestanden haben bei der Wahl dieser Vertrauen und Wohlbefinden verströmenden Lebensform. Als entschlossenes, aber in Kubatur und Farbe sich wohl gestimmt einfügendes Ausrufezeichen erscheint der moderne Anbau des Hauses, ein der Landschaft zugewandter achteckiger Turm, der dem Poeten den Blick auf Felder, Hecken, Gräben bis hin zum Schenkenwald und darüber hinaus öffnet. Auch wenn es nicht der Neckar ist, der vorbeifließt, sondern der Wildbach, fühlt man sich ein wenig an Hölderlins Tübinger Turm erinnert.

In einem solchen Umfeld, zumal bei Achtsamkeit für das „Gleichgewicht zwischen Elementarem und Geistigem“, gedeiht, wie jeder verstehen wird, das künstlerische Schaffen prächtig. Dabei ist über die Jahre, die meisten davon noch berufstätig als Deutsch- und Geschichtslehrer am Wertheimer Gymnasium, Beachtliches aus der Feder des gebürtigen Ostpreußen geflossen.

Er selbst hält den vor fünf Jahren erschienenen „Parzival“ für das wichtigste seiner bislang elf Bücher. Die Neuerzählung des mittelalterlichen Stoffes hat auch zu tun mit einer gefühlten Wesensverwandtschaft mit dem Dichter Wolfram von Eschenbach. Der suggestive und sprunghafte Stil, vor 800 Jahren höchst ungewöhnlich, sei ihm sehr nah, sagt Wiechert. Die Beschäftigung mit Wolfram und seinem Stoff sei für ihn ein „zentrales Erlebnis“, von dem er immer noch profitiere.

Sechs Gedichtbände

Dass aber auch das lyrische Schaffen Wiecherts sein ganz eigenes Gewicht hat, davon zeugen seine bisherigen sechs Gedichtbände, die zwischen 1980 und 2016 erschienen sind. Zwei Erzählungen und zwei Romane gehören weiter zu seinen Werken, alle miteinander des Lesens und der Auseinandersetzung wert.

Seit ein paar Jahren arbeitet Wiechert mit seinem ehemaligen Schüler, dem Kirchenmusiker und Komponisten Alexander Wolf, zusammen, der mittlerweile 30 seiner Gedichte vertont hat.

Die Liederabende in Wertheim oder im benachbarten Homburg, bei denen diese Lieder vorgetragen werden, bei denen aber auch Wiechert selbst die Gedichte vorliest, haben für ihn etwas Besonderes: „Wenn man sich zurücklehnen und den eigenen Worten in Klangform lauschen kann, erschließt sich eine ganz neue Dimension des Gedichts.“

Als „beglückend“ empfindet er diese Arbeit. Überhaupt sei ihm die Lyrik nach wie vor sehr wichtig: „Denn das ist doch das Einzige, was hängen bleibt.“ Dass auch mit 80 noch längst nicht Schluss sein soll, davon zeugt ein neues Buchprojekt, das, so Wiechert, praktisch fertig ist.

Bei der Frage nach Inhalt und Form gibt er sich im Moment noch etwas schmallippig.

Da scheinen noch Dinge im Fluss zu sein, auf die man sich gespannt freuen darf. Der hellwache Geist des älteren Herrn – von einem Greis kann man hier auf keinen Fall sprechen –und seine erstaunliche Konstitution lassen auf noch manche Überraschung für seine Leser und viele gute Jahre im Kreise seiner großen Familie hoffen, zu der neben sechs Kindern aus zwei Ehen mittlerweile auch sechs Enkel gehören.

Die Fränkischen Nachrichten schließen sich den Geburtstagsglückwünschen gerne an. Lk