Kultur

Promi-Tipp Der Mannheimer Schriftsteller und Filmemacher Patrick Roth empfiehlt François Truffauts Interview-Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“

Das Evangelium zweier Regie-Ikonen

Archivartikel

Aus dem Interview des französischen Regisseurs François Truffaut mit Alfred Hitchcock entstand das einflussreichste Filmbuch unseres Jahrhunderts. Eine Art Evangelium für Cineasten und Filmstudenten. „Le cinema selon Hitchcock“ klingt wie „Das Evangelium nach Johannes“ und es ist „good news indeed“, dass ein deutscher Verlag diese definitive und nach Hitchcocks Tod 1980 von Truffaut vervollständigte Gesprächsstudie mit sorgfältig zusammengestelltem Skizzen- und Fotomaterial bereits 1999 – zu Hitchcocks 100. Geburtstag – auf den Markt brachte.

Neben Nizhnys Eisenstein-Lektionen ist dies die beste Filmschule zwischen zwei Buchdeckeln, die ich kenne. Das Wissen wird per Gespräch vermittelt. Wer philosophisches Denken dialogisch nachvollziehen will, liest Platon/Sokrates. Wer filmisch-visuell denken und erzählen lernen will, kommt um „Truffaut/Hitchcock“ nicht herum.

Denn es wird – schon auf den ersten Seiten dieses Gesprächs – nicht nur klar, dass Truffaut die richtigen Fragen stellt. Nach den Inspirationsquellen Hitchcocks zum Beispiel, nach Vorbereitung und Strukturierung der Drehbücher, nach Regieproblemen und den vielen ingeniösen visuellen Lösungen, mit denen Hitchcock arbeitete. Nein, es wird einem vor allem bei den Antworten des Meisters bewusst, dass wir es hier nicht nur mit einem legendären Regisseur, sondern mit einem großen Pädagogen zu tun haben. Einem raffinierten Pädagogen, der den Schüler Truffaut - und mit ihm: uns – auch erzählerisch wachzuhalten weiß. Wenn Truffauts Fragen abstrakt zu werden drohen, wird Hitchcock immer konkreter. Und wenn Truffaut sich in den Details einer Kameraeinstellung verheddert, überrascht Hitchcock umgekehrt mit einer einleuchtenden filmischen Regel. Aber der Franzose – man kann ihm da förmlich nachfühlen – lernt eifrig mit und prüft Hitchcocks „Regeln“ an weiteren filmischen Beispielen nach, er übt sie sich als Filmemacher ein.

Als ich das Buch Ende der 1960er Jahre – damals auf Englisch – zum ersten Mal las, kannte ich nur etwa ein Drittel des Hitchcockschen Werks. Und war dankbar, als ich entdeckte, dass Truffaut Hitchcocks Filme in kurzen Synopsen so herrlich nacherzählt, dass man sie nicht gesehen haben muss, um der Diskussion der beiden folgen zu können. Im Gegenteil. Hitchocks visuelles Denken macht sofort Schule beim Leser.

Man „sieht“ mit, wenn Hitchcock. Einstellung für Einstellung. Beim Mitlesen lernt man seine Art erzählenden Sehens. Gäbe man mir die Wahl, ins Exil – also auf die sprichwörtliche Insel – entweder Hitchcocks sämtliche Filme oder dieses „Truffaut/Hitchcock“-Buch mitzunehmen – ich würde nicht zögern. Ich würde das Buch in die Tasche stecken. Warum? Weil der Kern dieses einzigartigen Interview-Buchs nicht das Filmgeschichtliche betrifft, die Rekonstruktion und Nachbesprechung der wichtigsten Passagen in Hitchcocks Werk.

Das ist zwar alles enthalten, aber es geht Truffaut eben nicht nur um die 53 Filme, sondern um die Entdeckung jener kinematisch-imaginierenden Kraft, die Hitchcock visuell-wortlos „pure cinema“ schaffen ließ, reines Kino. Es geht Truffaut mit anderen Worten darum, die Zündschnur für zukünftige Filmemacher zu legen. Dieses Buch ist ein großes Bergwerk, nicht nur zurück zu Vergangenem. Sondern enthält noch viel Zukunft: die Aufforderung, den vielen von Hitch freigelegten Ideen- und Bilderadern weiterhin nachzuspüren, an ihnen das filmische Erzählen in noch dunklere und immer neue Schächte hineinzutreiben.

Zum Schluss des Buchs geht’s einem wie den Leuten in Hitchcocks Hotel-Lift-Anekdote, die mir ein anderer Hitchcock-Interviewer, Peter Bogdanovich, einmal erzählte: Hitchcock steigt im 4. Stock eines Hotels mit seinem Begleiter in den Aufzug. Diskret machen ihm andere Gäste Platz. Während der Fahrt ins Erdgeschoss sagt Hitchcock, als setze er ein begonnenes Gespräch fort: „...Blut, sage ich Ihnen, überall Blut auf dem Boden. Und sie lag da, blickte zu mir hoch, ihr Gesicht blutüberströmt... Entsetzlich! Ich sage: ,Meingott, was hat man denn mit Ihnen gemacht?’ Da sagt sie mit letzter Kraft...“ Hitchcock zögert. Die Leute im Lift, die so tun als hätten sie nichts gehört, halten die Luft an. Hitchcock hat es genau getimt. Plötzlich öffnen sich die Türen des Lifts: Erdgeschoss. Alle wollten hier aussteigen. Aber niemand bewegt sich.

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