Kultur

Schwetzinger Festspiele Cellist Queyras gastiert

Das Gewicht der Welt

Archivartikel

Ein Ton-Künstler. Schier unglaublich, was Jean-Guihen Queyras seinem 1696 von Gioffredo Cappa gebauten Cello an Feinheiten entlockt, wie er Beleuchtungswechsel inszeniert und mit berührender Anteilnahme auf kleinste Nuancen und individuelle Ausdrucksgesten achtet. Sein Solo-Rezital bei den Schwetzinger Festspielen beginnt er mit Benjamin Brittens G-Dur-Cellosuite, einem Werk voll kompositorischer Kontraste und Brüche, die sich nur selten zu einem geschlossenen Kosmos verdichten lassen. Eher wird hier zwischen meditativer Transparenz und drängendem Zugriff eine zuweilen an Bach orientierte Musik entwickelt, der es gelegentlich aber an Tiefe und zwingender Notwendigkeit fehlt.

Die ersten Sätze aus Bachs dritter Cellosuite spielt Queyras entschieden zu schnell. Auf diese Weise neutralisiert er die rhythmisch markanten Energiefelder und reduziert die thematischen Impulse auf ein paar mehr oder weniger lapidare Bewegungsabläufe. Immerhin findet Queyras ab der Sarabande zu einem angemessenen Tempo zurück und damit auch zu einer inneren Gespanntheit, die Bachs dynamischer Linearität gerecht wird.

Schattierungsreiche Kunst

Höhepunkt des Abends war wohl Zoltán Kodálys Sonate für Violoncello solo. Denn jetzt erweist sich Queyras als hochmotivierter Tongestalter, der die Vielfalt im Lyrischen wie im Expressiven einfühlsam und konsequent auslotet. Eine schattierungsreiche Kunst des Erzählens ist ihm zu verdanken, die jede Nähe zur bloß technischen Brillanz vermeidet. Queyras erarbeitet sich das Werk von innen her, ohne die frei schweifenden Außenbezüge zu ignorieren. Er forciert die sogartigen Tendenzen und verwandelt die oft überbordende Fülle an kompositorischen Details in immer neue Farben.

Was eben noch der vorwärtstreibenden Kraft verpflichtet war, mündet später in eine Phase des Innehaltens. Das Gewicht und die Gegensätze der Welt in virtuoser Zuspitzung. Sie dient vermutlich allen: dem Werk, dem Interpreten und dem begeisterungsfähigen Publikum. hub