Kultur

Das Grauen wird spürbar

Archivartikel

Mannheim.Das Grauen hüllt die Zuschauer schleichend ein. Zu zwölft durchkämmen wir das Abbruchhaus am Rande des Mannheimer Hauptfriedhofs, um unserem eigenen Tribunal nach knapp 90 Minuten und einem Dutzend „Bilder des Grauens“ näher zu kommen. Regisseurin Beata Anna Schmutz lässt keine Zweifel, dass Rampigs „Strafkolonie“ einen Raum des Verderbens beschreibt. Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen, ein blonder Jesus, der sich lasziv auf einem korallfarbenen Generator räkelt. Wie Fische japsen die Ertrinkenden vor den Füßen der Zuschauer. Es nützt nichts: Sie müssen sterben. Jedenfalls, wenn sie den Faden zwischen sich und ihrer ach so sicheren Heimat selbstverschuldet gekappt haben – die Darstellung ist drastisch.

Mut zur Grenzüberschreitung

Ohne Zweifel können Kritiker dem Kollektiv Klitterung der Literaturgeschichte vorwerfen. Denn auch, wenn die Arbeiten des Kollektivs seit Jahren zwischen performativer Installation und ästhetisch dunkler Schauspielkunst vibrieren: Selbst die Erzählung, mit der Franz Kafka 1919 die Kaltblütigkeit des Tötens in Worte setzte, muss lange gefoltert werden, um heutige Grausamkeiten bruchlos auszuhalten. Doch tatsächlich ist dieses schriftliche Wagnis eine allzu notwendige Grenzüberschreitung, die nicht nur funktioniert, sondern sich zielsicher in die eigenen Sinne gräbt. Fisch und Brei, dienen den Verurteilen als Speise – und die Betrachter werden bald selbst zu Foltermeistern im Geiste („Das Vergehen wird in die Haut eingeschrieben – die Schriftsteller sind wir“), die sich den Vorwurf stumm gefallen lassen müssen: „Aus einer Krähe wird niemals eine Taube.“

Wir selbst also als Todbringer im fernen Mittelmeer? Wenn man den Performern glaubt, die als Verlorene wie finstere Geister rollenlos zwischen den Stationen des Schreckens umherirren: selbstverständlich. Denn der hermetische Kosmos steht als pars pro toto für nichts anderes als das Konsumparadies, das wir uns selbst erschaffen haben, um zu seinen Sklaven zu werden. Die Indifferenz all dem Leid der Welt gegenüber – nichts als „ein leises, gedämpftes Stöhnen“ der Scheinheiligkeit, mit dem wir als Fernsehzuschauer gelangweilt den Kanal wechseln. Nur, dass diese Wallfahrt durch die Stationen der Seelenmarter nicht zur billigen Kapitalismuskritik verkommt, sondern als moralische Anstalt Anklage erhebt, um ein Scheitern vorzuführen, wie es uns selbst bald ereilen könnte – wenn wir nicht zu Besserem bereit sind.

Die Krux: Dass das sonst so perfekt eingeübte Zurückweichen in die heilvolle Privatsphäre ausfällt. In diesen Hallen wird jeder Gast zum involvierten Ausgelieferten, der für sein verhängnisvolles Schicksal auch noch gezahlt hat. Dieser Schrecken ist einer, der sitzt, aber Richtungen weist. Dieser dämonischen Konsequenz folgend, werden selbst die jüngsten Kinder an einem Ort des Sterbens zu schick gekleideten Zeugen epischer Hinrichtungen: Die Zierde einer beängstigend realen Zukunftsvision. Natürlich kann man die Frau, die ihre eigene Fäulnisgrube aushebt, eine Fatalistin nennen – doch treffen Performerinnen und die von Sophie Lichtenberg und Lea Langenfelder dramaturgisch-szenographisch peinlich genau organisierten Bildkonvolute auf Hauswänden und Bildschirmen jene Schicksale, die Politik und Gesellschaft in beruhigender Selbstverständlichkeit stets als Einzelfälle abtun.

Zwischen Meeresfrüchten als letztem Bissen und dem drohenden Tod steht Kafka allein: „Ein Akt der Gewalt ist außerordentlich; ein Ausbruch aus der Ordnung […] Dieses Gewaltsystem wurde komprimiert und treibt als eine schwimmende Insel inmitten unserer Gesellschaft. Die Straßen in ihrem unendlichen Rauschen sind ihr Fluss.“ Ob er aufzuhalten ist? Der moralische Staudamm scheint noch unerrichtet.

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