Kultur

Pop In der Corona-Krise hat die Musikindustrie nahezu heimlich fast alle wichtigen Albumveröffentlichungen umterminiert

Das große Verschieben

Archivartikel

Eigentlich sollte 2020 ja das große Musikjahr werden: Mit dem 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven, einem regelrechten Festival-Boom und einer Flut an Albumveröffentlichungen namhafter Künstler. Angesichts der Corona-Pandemie sieht die ernüchternde Realität allerdings anders aus: Sämtliche Großveranstaltungen sind bis 31. August abgesagt und viele bekannte Gruppen wie Solo-Interpreten haben ihr Werk auf unbestimmte Zeit verschoben.

Oft klammheimlich

„Eine merkwürdige Situation“, sagt Jehnny Beth, Sängerin der britisch-französischen Post-Punk-Formation Savages, die Anfang Mai ihren ersten Alleingang „To Love Is To Live“ vorlegen wollte. Der erscheint nun am 12. Juni. „Alle Künstler sitzen ja im selben Boot – also muss ich da mitspielen“, so die Dame, die sich auch als TV-Moderatorin bei Arte („Echoes“) versucht. Das Besondere an ihrem Fall: Die Verschiebung wird durch das zuständige Label publik gemacht. Für gewöhnlich passiert das klammheimlich, ohne Erklärung und vor allem ohne neuen Termin.

Veröffentlichungen von Superstars wie Depeche Mode, Kings Of Leon, den Dixie Chicks, Alicia Keys, Bon Jovi, The Killers oder Alanis Morissette sind nach monatelanger Ankündigung für längere Zeit einfach spurlos vom Radar verschwunden. Lady Gagas neues Werk ist inzwischen erhältlich, Bob Dylans erscheint am 19. Juni offenbar gezielt. Mit drei vorab veröffentlichten Songs versuchte die Songwriter-Ikone offenbar, das Vakuum in der Pandemie mit teilweise episch langen Songs zu füllen. Mit Erfolg: „Murder Most Foul“ wurde Dylans erster Nummer-eins-Hit überhaupt – zumindest in den digitalen Billboard-Rock-Charts.

Hoffen auf Spätsommer

Wieso, weshalb, warum – das wollen die Verantwortlichen nicht erörtern: „Wir sehen keinen Bedarf, uns zu äußern“, heißt von einem Musikmulti schnippisch. Ein anderer verschickt nur ein Statement vom amerikanischen Mutterkonzern. Kernaussage: „Man werde alles tun, um seine Künstler in Zeiten von Corona zu schützen.“

Warum sagt man nicht einfach, dass man die Krise auszusitzen gedenkt? Allerdings, so Michael Borwitzky, Label-Manager von Cooking Vinyl Deutschland, längst nicht die beste: „Ein Aussitzen ist – glaube ich – fatal, weil Stillstand nie gut sein kann.“ Er hofft auf bessere Markt- und Marketingbedingungen ab Spätsommer. Einige Musikfachzeitschriften erscheinen wegen finanzieller Engpässe derzeit verspätet oder gar nicht.

Auch der Verkauf von physischen Tonträgern gestaltet sich laut Borwitzky schwierig: „Der Handel ist momentan schwer zu bestücken. Natürlich gibt es Online-Händler, aber auch bei denen ist es aktuell nicht so einfach, und es gibt natürlich Corona-bedingte Schließungen von Produktionsstätten und Lagern.“ Das hatte Musiker wie den Mannheimer Laith Al-Deen bewogen, sein inzwischen erschienenes Album „Kein Tag umsonst“ zu verschieben, wie er dieser Redaktion sagte. Bei anderen Bands lag die Studioarbeit schlicht wegen der Kontaktbeschränkungen lange lahm.

Schlechte Zeiten für Bon Jovi

Dementsprechend brachen die Umsätze der Musikindustrie ein: im ersten Quartal allein in den USA um 29 Prozent. In Europa rechnen Plattenfirmen mit 250 Millionen Euro Verlust – obwohl der Streaming-Sektor gleichzeitig ein imposantes Wachstum von fast 60 Prozent aufweist. Wirklich zu kompensieren scheint das Digitale das Haptische nicht. Also: Schlechte Zeiten für Mega-Stars wie Bon Jovi & Co. – während unabhängige Künstler, die ohnehin kleinere Brötchen backen und fernab der Chartsspitze agieren, ihre Chance wittern. Dazu zählen der gerade auf Platz eins gelandete Self-Made-Musiker Fynn Kliemann, die Einstürzenden Neubauten, Sebastien Tellier, die Sparks, Brian Fallon, Sophie Hunger, Paul Weller oder auch Badly Drawn Boy.

Letzterer, der bürgerlich Damon Gough heißt, springt nur zu gerne in die klaffende Lücke, die seine Multimillionär-Kollegen hinterlassen: „Natürlich frage ich mich, ob ich das Richtige tue und ob ich vielleicht dafür kritisiert werde, gerade jetzt ein Album zu veröffentlichen“, erklärt der Mann aus Manchester in der Zoom-Video-Konferenz. „Aber ich denke, das Ehrlichste, was ich tun kann, ist an meinem ursprünglichen Plan festzuhalten und das Kreative, Künstlerische am Leben zu halten. Wenn das Album erscheint, wird es den Leuten da draußen hoffentlich helfen, besser durch die Krise zu kommen – also, wenn ich das romantisch betrachte.“

Impfstoff soll helfen

Tatsache ist, dass sich alle Musikfans gerade nach neuen Klängen sehnen. Dass die in Zeiten der Corona-Krise zumindest für einen Hauch von Normalität sorgen würden, und dass für den Herbst – so Borwitzky – mit einer Flut an Veröffentlichungen zu rechnen ist: „Ich glaube, dass tatsächlich gerade sehr viele schöne, neue Songs geschrieben werden – während alle zu Hause sitzen müssen.“

Ein netter Gedanke, den Keyboarder Roger O´Donnell (The Cure) allerdings gleich wieder zunichtemacht: „Wenn nicht zufällig jemand mit einem Wunder-Impfstoff aufwartet, wird das nichts vor Frühling oder Sommer 2021.“

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