Kultur

Clingenburg-Festspiele Bestens gelaunte Zuschauer bei der Mitmach-Premiere der „Rocky Horror Show“

Das Horror-Raumschiff im Konfetti-Regen

Archivartikel

Kann man eine Premiere ausgelassen nennen? Ja, man kann. Die Premiere des Kultmusicals „Rocky Horror Show“ am Freitagabend auf der Clingenburg war es. Und dazu noch stürmisch. Dafür sorgte schon das Wetter, das bereits vor der Vorstellung prüfende Blicke zum Himmel und auf entsprechende Apps forderte. Mit leichter Verspätung und unter heftigen Sturmböen konnte der neue Intendant der Festspiele, Wolfgang Hofmann, mithilfe einiger Techniker den erst zweiten Vorhang in der Festspielgeschichte dann doch zuerst schließen und gleich wieder öffnen für das fulminante Sing- und Tanzspektakel aus der Feder von Richard O‘Brien.

Exzentrisches Stück

„Ich schwöre Ihnen, Sie werden sich immer erinnern“, hatte Rainer Markens, der Vorstandsvorsitzende des Festspielvereins, in seinen Eingangsworten dem Publikum versichert.

Er meinte zum einen das wendische Wetter, das mit seinen Launen zum exzentrischen Stück passte und der Regen sich sogar an die Anweisungen von Regisseur Dirk Böhling zu halten schien: er fiel nur in der Pause und verzog sich danach bis nach dem Finale wieder.

Die Worte passten auch zum bestens gelaunten Publikum, das eifrig „Fan Bags“ gekauft hatte, um an den geeigneten Stellen die bizarre Show mit Anweisungen zu Zwischenrufen, Konfettiregen, Klopapierstreifen und Wasserpistolen aktiv zu unterstützen. Ein so gut gelauntes Premierenpublikum hatte die Clingenburg wohl noch kaum erlebt.

In erster Linie trafen sie aber auf die wollüstige, pralle und knallige Aufführung des Musicals von 1973 in Anlehnung an die weltberühmte Verfilmung als „Rocky Horror Picture Show“ von 1975 zu.

Mitsinghits

Beides strotzt nur so vor Mitsinghits, unter anderem dem weltberühmten „Time Warp“, den wohl so ziemlich jeder schon mal getanzt hat. So auch an diesem Abend zu den Live-Klängen der fünfköpfigen Band, zu der auch Erzähler Tilmann Rose an den Keyboards zählt. Ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, hielt es an diesem Abend viele Zuschauer nicht auf den Plätzen.

Schließlich macht die „Rocky Horror Show“, entstanden in den Nachwehen der 68er als schrilles Rock-Spektakel aus Horrorfiguren, Travestie und freiem Sex, erst so richtig Spaß, wenn die Zuschauer ordentlich mitmachen. Das taten sie.

Das Treiben angepeitscht

„Langweilig“ tönte es immer wieder aus den Zuschauerrängen, und das war nicht als Beleidigung für Stück und Akteure gedacht, sondern gehört im Gegenteil zum Kult und peitscht das wilde Treiben voran.

Auf der perfekt ausgeleuchteten Naturbühne der Clingenburg erzeugten die stimmgewaltigen Darsteller von der ersten Sekunde an mühelos die laszive Stimmung des Raumschiffs in Form eines alten Schlosses voller außerirdischer Schauergestalten mit Federboas, Strapsen und Korsagen irgendwo mitten im Wald in einer stürmischen Regennacht.

Ob das die zombiehafte Gestalt des hinkenden Dieners Riff Raff (Lukas Witzel) ist oder das gestrandete Pärchen Janet (Pamina Lenn) und Brad (David Wehle), die der dekadente Dr. Frank N. Furter (filmreif: Denis Fischer) der Reihe nach verführt – die Bühne lebt und bebt.

Umringt von einer schrillen Schar von „Dienern“ wird im ersten Teil des Abends Frank N. Furters Schöpfung, der schöne Rocky (Marvin Rehbock) zum Leben erweckt und im zweiten bei einem makabren „Abendmahl“ der zuvor von Frank N. Furter aus Eifersucht getötete Eddie (Matthias Knaab) verspeist. Für Hardcore-Fans: Er fährt nicht wie weiland im Film Meat Loaf mit dem Motorrad auf die Bühne, sondern nicht weniger spektakulär auf einem Quad!

Mit wehendem Gold-Cape

Die irre Story gipfelt darin, dass sowohl der Meister als auch sein Geschöpf und Liebesdienerin Magenta (herrlich lasziv: Helena Lenn) die Nacht nicht überleben, ehe das Raumschiff sich wieder auf seinen Planeten Transsexual beamt, Janet und Brad sowie den durchgeknallten Dr. Scott (Matthias Knaab) aber zurücklässt. Treffend hat Regisseur Dirk Böhning die Profidarsteller für ihre Rollen ausgewählt. Sie sind ihnen wie auf den oft und offen präsentierten Leib geschneidert. Einer der optischen Höhepunkte ist der Auftritt von Frank N. Furter als „Sweet Transvestite“ mit wehendem Gold-Cape und schwindelerregenden Plateauschuhen.

Ein weiterer zeigt sich am Ende, als das Raumschiff bereits wieder auf dem Weg zurück ins All ist und alle Darsteller sich zu einem Standbild auf der Treppe vereinen, um noch einmal wehmütig den Anfangssong „Science Fiction, Double Feature“ anzustimmen, bevor sich der mit Motiven von Hollywood-Horror-Klassikern bedruckte Vorhang endgültig vor dem in Regencapes tanzenden und fröhlich klatschenden Publikum schließt. Erst jetzt setzte der Regen wieder ein.

Die Rocky Horror Show ist noch 19 Mal auf der wunderbaren Terrassenbühne der Clingenburg zu sehen. Letzte Vorstellung ist am 10. August. Weitere Informationen können Interessierte auf der Homepage www.clingenburg-festspiele.de nachlesen.