Kultur

Literatur im Schloss Robert Seethaler liest aus „Das Feld“ und bringt Tote zum Sprechen und das Publikum zum Lachen

„Das muss man erst mal aushalten“

Archivartikel

Er sei nicht eloquent, sagt er. Seethaler, Jahrgang 1966, Schauspieler, Drehbuchautor, Schriftsteller und gebürtiger Wiener, lebt in Berlin. Seit 2005 heimst er regelmäßig Würdigungen und Preise ein: Für Filme wie 2008 und 2009 „My Mother, My Bride and I“ und die deutsche Version „Die zweite Frau“ und für Bücher wie „Die Biene und der Kurt“ (2007; Debütpreis des Buddenbrookhauses), „Ein ganzes Leben (2015; Grimmelshausen-Preis), jüngst erst für „Das Feld“ (2018, Rheinbau Literatur Preis).

Roter Salon voll besetzt

„Das Feld“ präsentierte er jetzt bei einer „Literatur im Schloss“-Lesung in Bad Mergentheim. Längst nicht alle Interessierten fanden Einlass: Der 200 Besucher fassende Rote Salon war voll besetzt. Kein Wunder: Seit er 2014 „Ein ganzes Leben“ vorlegte und das Publikum auch auf seinen zwei Jahre zuvor erschienenen Roman „Der Trafikant“ aufmerksam wurde, sind Seethaler-Lesungen mit mehreren hundert Gästen keine Seltenheit mehr.

Dabei fühle er sich vor so vielen Menschen oft „wie vor einer riesigen Welle, die einen zu überrollen droht“, säße da „wie eine offene Wunde,“ und das müsse man erst mal aushalten. Schließlich habe er ja nichts anderes als sich selbst, stamme aus einer Arbeiterfamilie, habe das Schreiben nicht gelernt und das Reden, das, na ja: „Es wird eh’ schon so viel gequatscht.“

Nur lesen, nicht reden

Moderatorin Beatrice Faßbender hatte noch zahlreiche Fragen in petto. Aber wenn einer nun einmal lesen, nicht reden will… Trotzdem: Wie ging es los mit diesem Roman? Es gebe da oft so einen „Glutpunkt des Interesses“, und er – Wiener eben – gehe nun mal gern auf Friedhöfe. Einen wunderschönen hat er ganz in der Nähe seiner Wohnung. Da finde er Ruhe. Angst vorm Tod? Nein. Nur vorm Sterben.

Und dennoch: „Blöd eigentlich, die Sterberei.“ Den Tod sieht er „wie eine Leinwand, auf die die Lebenden ihre Bilder projizieren.“ Was dahinter sei, „das wissen wir nicht.“

30 Kapitel, 30 Personen

Wie er diese vielen Figuren finde, will Beatrice Faßbender wissen. Immerhin sind es 30 Personen in 30 Kapiteln, einfache Leute zumeist, von denen 29 längst im Grab auf dem Feld liegen, dem auf unfruchtbarem Brachland entstandenen Paulstadter Friedhof. Sie erwachsen aus „Schwebeteilchen der Erinnerung“, sagt er. Auch so ein Wort: wie gemeißelt. Die fliegen ihn an, diese Schwebeteilchen, andauernd; auch das müsse man erst mal aushalten, und die ganzen Leute, „die drück’ ich mir ja aus dem Herzen“.

Aus dem Herzen gedrückt hat er sich auch „Das Feld“, diesen in 29 Kapiteln mit Eigennamen überschriebenen, mit lakonisch von Toten erzählten Schicksalsschnipseln prall gefüllten Kurzgeschichten-Roman, der nebenbei auch ein Klein-stadtportrait ist – in Puzzleteilchen erlebt und nacherzählt vom ertrunkenen Jungen bis zur uralten Greisin.

Der 105-jährigen Toten – Annelie Lorbeer heißt sie – leiht Seethaler in der Lesung seine Stimme, ebenso wie Hanna Heim, der Lehrerin, Herm Leydicke, dem Vater, der starb, als der Sohn 15 war, Susan Tessler, die im Pflegeheim in Henriette für 67 Tage die beste Freundin fand, die sie im Leben hatte und Kurt Kobielski, dem Gebrauchtwarenhändler.

Fünf Kostproben

Stundenlang hätten die im Roten Salon versammelten Zuhörer Seethaler noch lauschen können, aber für ihn gibt’s nichts Schlimmeres als zu lange Lesungen. Fünf Kostproben immerhin, das fand er gerade noch vertretbar.

Schon die geben einen Eindruck vom faszinierenden Facettenreichtum der 30 Stimmen und sind zugleich in sich ganz runde Berichte und Botschaften, gesendet von Drüben übers einst gelebte Hier.

Da ist zunächst Hanna Heim, die auch im Roman als erste benannte Einzelfigur zu finden ist: Die ehemalige Lehrerin, die zurückblicken kann auf fünf Jahrzehnte geteiltes Leben; es ist eine mit bleistiftartig feinen Strichen skizzierte große Liebesgeschichte im Kleinen. Vom Sterben weiß diese Hanna Heim noch: „Die Schmerzen, die so lange an mir gerissen hatten, trug ich nur noch als leise Erinnerung in mir. Irgendwann waren sie plötzlich weg, aber ich wusste, dass diese Erleichterung nur den Anfang des endgültigen Abschieds bedeutete.“

Herm Leydicke lernt das Publikum kennen, den Vater, der aus dem Grab dem Sohn „einfach ein paar Dinge“ sagt – obwohl er weiß: „Die wenigsten Alten sind weise, die meisten sind einfach nur alt. Und ich war eindeutig einer von den meisten.“ Die „paar Dinge“ – die richtige Frau, der Umgang mit Alkohol und dem Haus, die Sache mit dem Krieg („Egal, was sie dir zuflüstern oder um die Ohren brüllen, womit sie dich ködern oder dir drohen: Es ist nicht dein Krieg. Du bist nicht auf der Welt, um zum Schluss irgendwo mit offenem Bach im Matsch zu liegen. Es ist nicht dein Krieg“) und den Toten („Denk an die Toten und verzeihn ihnen“) und der Liebe – schürfen tief: ein 15-Punkte-Erfahrungs-Kondensat.

„Teilzeit-Enthusiastin“

Susan Tessler lernte man kennen – und mit ihr Henriette, die „miesepetrige und besserwisserische kleine Greisin“, die sich selbst auch im Sanatorium noch als „Teilzeit-Enthusiastin“ sieht.

Den Nachnamen habe sie abgegeben: „Man gibt alles ab mit der Zeit.“ Es sind genaue Blicke aufs Vergehen, die Seethaler Susan Tessler bei Henriette tun lässt: „Die Schienbeine wie schmale Holzleisten unterm Kleid. Die wurzeligen Hände auf dem Buchrücken. Ihr Blick, der sich mit jedem Tag tiefer in die Augen zurückzuziehen schien.“

Seethaler machte bekannt mit Annelie Lorbeer, verstorben mit 105 Jahren. „Der Preis für ein so langes Leben ist Einsamkeit.“

Und Vergessen. „Erst war ich Kind. Dann eine Dame. Dann wieder ein Kind. An das dazwischen kann ich mich nicht erinnern.“ Fast nicht: „Zwischen dem Kind und der Dame war Krieg“.

Und Maskenzeit: „Als Dame muss man beständig eine Maske aus Schminke und Stolz tragen, die ist so schwer, dass sie einen ganz niederzwingt. Mir haben die Schminke und der Stolz die Schulterblätter aus dem Rücken gedrückt, bis sie abgestanden sind wie gestutzte Flügel.“

Alle wollen ein Autogramm

Fast schon als Zugabe Kurt Kibielski, Gebrauchtwarenhändler, auf einer Bank im Stadtpark, beobachtend und müde auf angenehme Art: 33 Zeilen widmet Seethaler ihm, schenkt ihm noch einen Vogelklacks, „und in diesem Moment war mir klar: Heute wird der glücklichste Tag deines Lebens gewesen sein. Und so war es dann auch.“

Schluss. Ende der Lesung. Aufbrandender Beifall und dann eine lange, lange Schlange um und vor Seethaler: Signierstunde.

Auch das muss man erst einmal aushalten . . .