Kultur

FN-Interview Der Journalist und Autor Hajo Schumacher liest am Montag, 16. Oktober, in Tauberbischofsheim aus seinem neuen Buch "Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst . . ."

Das Phänomen der selektiven Wahrnehmung

"Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst . . ." heißt das neue Buch des Journalisten und Autoren Hajo Schumacher. Das Werk ist so witzig, wie es der Titel verspricht. Davon kann man sich live überzeugen - und zwar am Montag, 16. Oktober, um 20 Uhr im Tauberbischofsheimer Engelsaal. Gastgeber ist wie immer der Kunstverein. Im FN-Interview ging es unter anderem um emotionale Verkarstung, muffige Kellergewölbe und geschwänzte Elternabende.

Herr Schumacher, Glückwunsch zu diesem Buch! Gab es von Ihren Jungs denn schon eine Reaktion? Finden sie es "voll krass" oder "mega peinlich"?

Hajo Schumacher: Die Jungs finden meine einfühlsamen Stücke alles außer gut. Es muss am Phänomen der selektiven Wahrnehmung liegen: Ich finde, dass ich Recht habe, der Rest der Familie sieht das komischerweise ganz anders und glaubt ernsthaft, der Vater habe den größten Erziehungsbedarf.

Auf die elterliche Solidarität meiner Frau kann ich mich übrigens nicht immer verlassen. Sie verbündet sich mit den Jungs.

Eigentlich ist Ihr Buch ja eine Liebeserklärung an Ihre Frau, an Ihre Söhne - oder sehe ich das falsch?

Schumacher: Finde ich auch. Aber das versteht man nicht sofort. Als Westfale kann ich meine Gefühle eben nicht so gut zeigen, als Mann sowieso nicht.

Ein Grund, warum ich soviel schreibe; um meine emotionale Verkarstung aufzubrechen.

Wie war Ihre eigene Kindheit denn so? Und wie sehr hat Sie Ihre Jugend in Zeiten des Hard- und Glamrock geprägt?

Schumacher: Damals fühlte ich mich von meinen Eltern nicht genügend mit Statussymbolen ausgestattet, ich hatte weder Bonanza-Rad noch Kreidler Flori, nur eine Wrangler-Jeans zweiter Wahl und Puma statt Adidas.

Immerhin besaß ich einen Telefunken-Radiorecorder, mit dem man aus dem Radio die Hits aufnehmen konnte: Queen und Pink Floyd waren ganz weit oben, Smokie und Rod Steward kamen auch ins Programm, um bei den Schwarzlichtpartys in muffigen Kellergewölben den musikalischen Teppich für Körperexpeditionen auszulegen. Aber der wichtigste Soundtrack zu unserer praktischen Aufklärung war "Child in time" von Deep Purple.

Sehen Sie sich selbst in Ihren Söhnen?

Schumacher: Klar, aber nur in den guten Eigenschaften. Die anderen sind von meiner Frau.

In einem Kapitel schreiben Sie sehr amüsant über das Thema "Vertrauen ist oft nur ein Mangel an Kontrollmöglichkeiten". Eine Tochter hätte es da noch ungleich "schwerer" gehabt bei Ihnen, oder?

Schumacher: Niemals. Es wird oftmals verkannt, dass mein Name auf indianisch "Sanftmut" bedeutet. Die Jungs wickeln mich seit ihrer Geburt um den Finger; gegen eine Tochter hätte ich noch viel weniger Chancen gehabt, erst recht gegen eine feministische Koalition aus Mutter und Tochter.

Außerdem hätte ich jeden jungen Mann mit dem Schrotgewehr vom Hof gejagt, sobald er sich meinem Mädchen genähert hätte. Ich weiß doch, was die Kerle wollen; bin ja selbst einer.

Wie oft haben Sie sich selbst denn insgeheim angefleht, endlich gelassener, "gechillter" zu werden?

Schumacher: Seit dem Aufstehen heute etwa ein dutzend Mal.

Thema Elternabend. Beim Großen Vergangenheit, beim "Kleinen" wird's dagegen immer "spannender". Wird bei Ihnen geknobelt, wer hingeht?

Schumacher: Wenn Sie's nicht weitersagen: Meine Frau und ich haben inzwischen die Gelassenheit, gemeinsam und ohne schlechtes Gewissen zu schwänzen. Und es fühlt sich großartig an.

Die Lektüre der Protokolle reicht völlig, um zu wissen, dass wir wieder nichts verpasst haben.

Sie sind ja auch Achim Achilles, der "Läufer der Herzen". Wie kamen Sie eigentlich zum Sport? Und mochten Sie den "Turnunterricht"?

Schumacher: Ich war ein dickes Kind. Stellen Sie sich einfach einen Zwerg-Orca vor, der gestrandet ist. Unsere Kinderärztin empfahl Turnen. Eine Demütigung. Diesen säuerlichen Geruch im Gemeindesaal trage ich bis heute in der Nase.

Mit etwa elf Jahren sah ich dann ein Handballspiel im Fernsehen und dachte: Wow, legale Prügelei, genau mein Ding! Da waren stämmige Jungs gefragt, die sich den Gegnern einfach in den Weg stellten oder im Notfall draufsetzten. Dafür hatte ich begrenztes Talent.

Die Lauferei ist bis heute lästig, hilft aber, meinen barocken Ernährungsstil zu kompensieren.

Haben Sie auch den Eindruck, dass die Zeit immer schneller vorbeigeht? War es nicht erst gestern, dass Sie den Großen gefüttert haben? Und waren Sie nicht erst letzte Woche noch im Abistress?

Schumacher: Ein Zeitforscher hat mir neulich erklärt, dass das Phänomen der gefühlten Beschleunigung mit Routinen zu tun hat. Je mehr Gewohntes wir täglich absolvieren, desto langweiliger finde das Hirn unser Dasein. Die Lösung: immer wieder Neues, Anderes, Forderndes probieren.

Deswegen werde ich im kommenden Jahr ein Männerfestival organisieren und mir neue Fähigkeiten aus dem großen Kosmos des Digitalen versuchen anzueignen. Ob ich da noch Zeit für die Jungs habe? Eher nicht.

Aber meine Erziehung soll halt auch nicht leiden.

Sie kommen am Montag nach Tauberbischofsheim. Hand aufs Herz, mussten Sie als Münsteraner und jetzt Berliner nicht erst mal nachschauen, wo das genau ist?

Schumacher: Aber nein. Als Sportredakteur habe ich mal ein großes Interview mit der Olympiasiegerin Anja Fichtel für den "Spiegel" gemacht, in dem die TBB-Ikone Emil Beck ein wenig kritisiert wurde. Das hat mir in der Region begrenzten Ruhm eingebracht.

Außerdem planen wir seit langem, unseren Sommerurlaub hier zu verbringen.