Kultur

Hintergrund Nicht nur das Mannheimer Opernhaus pflegt Oldtimer-Inszenierungen wie den „Parsifal“ / Münchener „Rosenkavalier“ endet nach 195 Aufführungen

Das Publikum liebt Retro-Musiktheater

Archivartikel

Es war ein trauriger Tag für viele Opernfans. Zum letzten Mal zeigte die Bayerische Staatsoper im März die legendäre Inszenierung von Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ aus den Händen des Wiener Regisseurs Otto Schenk und seines Bühnenbildners Jürgen Rose: allerfeinst gearbeitetes Theater-Rokoko, originalgetreu bis zu den Handschuhen und Knöpfen der Darsteller. Wienerisch wie zur Zeit Maria Theresias, ganz so, wie es Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal vorgeschwebt hatte.

195 Mal hob sich für diese Inszenierung der Vorhang im Münchner Nationaltheater. Ein Monument der Operngeschichte, bei dem Künstler wie der Jahrhundert-Dirigent Carlos Kleiber oder die große Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender die Programmzettel schmückten. Das ist allerdings nichts gegen jene 600 Mal, die Giacomo Puccinis „Tosca“ an der Wiener Staatsoper auf dem Buckel hat. Fast so etwas wie eine Untote des Opernrepertoires.

Mannheimer Rekord-„Parsifal“

Am 3. April jährt sich die Premiere dieser berühmten Regiearbeit der österreichischen Tänzerin und Regisseurin Margarethe Wallmann, seinerzeit von Herbert von Karajan dirigiert, zum 60. Mal. Sie zählt damit zu den ältesten Opern-Inszenierungen im deutschen Sprachraum, getoppt in Wien nur von „Madama Butterfly“ vom September 1957. Noch älter ist wohl nur Hans Schülers Deutung von Richard Wagners „Parsifal“ am Nationaltheater Mannheim, die am 14. April 1957 das Licht der Opernwelt erblickte und jetzt mit saniertem Bühnenbild zur Aufführung kommt. Die beliebte Aufführung am morgigen Karfreitag ist wie gewohnt ausverkauft. Karten gibt es noch für den Festlichen Opernabend am 14. April und die Vorstellung am 31. Mai.

Eines haben solche Opern-Dauerbrenner gemeinsam: Sie sind beim Publikum äußerst beliebt. „Wir haben Besucher aus aller Welt, die diese ,Tosca’-Produktion bei uns sehen wollen“, sagt Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Aber kann man einem modernen Opernpublikum solche Oldtimer in historisierenden Interieurs und ohne krachende Regieeinfälle eigentlich noch zumuten? Was spreche denn dagegen?, fragt Meyer. „In der Bildenden Kunst betrachten wir uns doch auch zeitgenössische Kunst und danach gehen wir in eine Ausstellung mit Bildern des Quattrocento.“

Auch der Züricher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken hat keine Probleme mit Retro-Opern, im Gegenteil. „Ich habe überhaupt nichts gegen eine Jahrzehnte alte ,Tosca’-Produktion, auch die Schenk’schen ,Rosenkavalier’-Inszenierungen in Wien, München und Düsseldorf besitzen Referenz-Charakter.“ Das eigentliche Problem liege darin, meint Lütteken, „dass es in den letzten Jahrzehnten immer seltener gelungen ist, derartige Referenz-Inszenierungen hervorzubringen“.