Kultur

Literatur Cees Nooteboom beschwört in seinem Gedichtband „Mönchsauge“ die Erinnerung an die Kindheit und die Kraft der Fantasie

Das Rauschen des Meeres als lyrisches Thema

Archivartikel

„Mönchsauge“: Wer angesichts des Titels an eine Insel denkt, muss Hellseher sein. Denn die Überschrift des neuen Gedichtbands von Cees Nooteboom bezieht sich auf eine solche, wie uns der Lyriker im Nachwort wissen lässt. Als Nooteboom vor zwei Jahren an den zu einem Zyklus verbundenen Gedichten arbeitete, hieß der Arbeitstitel „Schiermonnikoog“. Auf der niederländischen Wattinsel weilte er zu jener Zeit.

Der Name bedeutet so viel wie: Insel der grauen Mönche. Nooteboom machte daraus „Monniksoog“ – „Mönchsauge“.So ist in dem Buchtitel insgeheim seine Kindheit präsent, die Zeit als Schüler eines Klostergymnasiums. Was auf ein zentrales Motiv des Bandes führt: Erinnerung. Nooteboom, jetzt 85 geworden, lässt in dem Band Vergangenes Revue passieren. Im Traum oder Wachen wird er von Erinnerung angeweht, ja von Erlebtem, Erlittenem manchmal förmlich heimgesucht.

Im lyrischen Tagtraum auch begegnet er der Mutter in den Dünen wieder, dem Bruder auch und dem Halbbruder. Oder er erinnert sich an die „erste Geliebte“. Und an den „toten Piloten im Baum“ – ein schockierendes Kindheitserlebnis aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Erinnerung als Versammlungsort: „Allem begegne ich hier“. An einer Stelle spricht Nooteboom von der „Distel des Nichtvergessenwollens“. Und mit Blick auf den früh verstorbenen Vater, den er nie sah, heißt es: „Erfinde eine Vergangenheit“. An Deck eines namenlosen Schiffes driftet er in seiner Imagination nach Ostindien. – Den Gedichten beigegeben sind gleichermaßen stimmungsvolle und dezent-reduzierte Kohle- und Pastellzeichnungen sowie Aquarelle von Matthias Weischer – mit Impressionen von Schiermonnikoog und Menorca, dem zweiten Wohnsitz des Dichters neben Amsterdam.

Verse über den Anfang der Zeit

So wie Schiermonnikoog für Nooteboom zur Stätte der Erinnerung wird, weitet sich der Blick über die eigene Lebensgeschichte hinaus auf geschichtliche Vergangenheit. Der konkrete Aufenthaltsort spielt in die archetypische geistige Insula hinüber, von der Nooteboom im Nachwort spricht. Aus der Tiefe der Zeit tauchen Gestalten wie Sokrates und Phaidros auf, auch Leonardo da Vinci. Der imaginäre Gesichtskreis der Gedichte reicht sogar bis an den Anfang der Zeit. Sind wir doch „Sternenstaub“, „Fleisch, das Worte gebraucht“, wie es einmal heißt. „Wir saßen im Staub / der ersten Sekunde, uns gibt es von / Anbeginn an“.

Alle Gedichte haben drei Strophen mit je vier Zeilen sowie eine abgesetzte Verszeile am Schluss. Innerhalb der Verse herrscht Freizügigkeit im Metrum und der Silbenzahl. Verbindendes Element der Gedichte sind Insel und Meer. Doch die Texte beschreiben keine (Insel-)Idyllen. „Chaos und Unruhe“ herrschen im Inneren des Dichters. Die Nordsee „hatte wilde Schaumkronen, / der Strand war verlassen“.

Aus dem Lot auch die Zeit; „die Waage des Weltalls / kippt“. Und dennoch, was am Ende bleibt, ist, in dreifacher Wiederholung, das Rauschen des Meeres.