Kultur

Staatsschauspiel Stuttgart Burkhard C. Kosminski inszeniert Shakespeares Tragödie „Othello“ und transferiert sie ins Digitalzeitalter

Das Schlachtfeld zweier sich einst Liebender

Archivartikel

Angesiedelt in Venedig und auf Zypern um 1550, wurde William Shakespeares „Othello, the Moor of Venice“ rund ein halbes Jahrhundert später uraufgeführt. Jetzt holt der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski die Tragödie in die Gegenwart, in das Digitalzeitalter.

Meinte Lessing, „Othello“ sei das „vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei, die Eifersucht“ und schrieb Georg Brandes, der Wegbereiter des Naturalismus in der dänischen Literatur: “‘Othello’ ist weit weniger eine Studie über die Eifersucht als eine neue und gewichtigere Studie über die Bosheit in ihrer Machtvollkommenheit“, so fügt dem Burkhard C. Kosminski eine weitere Perspektive hinzu, ohne die zwei anderen ganz in Frage zu stellen. Wohl ist bei ihm Othello, eigentlich ein Sarazene, kein Mohr, kein Schwarzer, aber ein Fremder. Und so ist er, obwohl General der Republik Venedig, der er dient, für die Venezianer ein Außenseiter. Deshalb gehört der letzte Satz in der im Schauspielhaus Stuttgart in der Übersetzung von Frank Günther vorgestellten Tragödie auch Jago, der bekennt: „Ich hass’ den Fremden“.

Zu Beginn sieht alles noch friedlich aus. Da geben sich Othello in Uniform und Desdemona, ganz in Weiß mit Schleier, das Ja-Wort – schon ganz im Heute, denn die Videokamera fehlt ebenso wenig wie die Konfettikanone oder der Walzer als Hochzeitstanz. Doch dann dreht sich nicht nur die weiße Wand im Bühnenbild von Florian Ettl um 180 Grad und sichtbar wird ein Besprechungsraum der Militärs, auch im übertragenen Sinn dreht sich der Wind. Denn jetzt taucht Elmar Roloff als Desdemonas Vater auf und beschimpft Othello, dem er vorwirft, seine Tochter verführt zu haben, nach Strich und Faden, wobei auch die Verbalinjurie „Du fremde Sau“ fällt. Also wieder der Fremde als Übeltäter, der er nicht ist, denn Othello und Desdemona haben sich in Liebe gefunden.

Desdemona im Minikleid

Dann kommt aber auch das Digitalzeitalter voll zu seinem Recht. In Smartphone-Manier werden Bilder verschoben, das Video spielt eine entscheidende Rolle. Man sieht modernes Kriegsgetümmel, Drohnenaufnahmen, Panzer, marschierende Soldaten, Schreckensbilder, und der Feldherr Othello dirigiert das Ganze zu Wagner-Musik.

Im Casino wird gefeiert und getrunken. Michael Stiller, der den Cassio als brutal-bulligen Typ verkörpert, schießt eine Gefangene nieder, worauf ihm Othello die Offiziersklappen von der Schulter reißt. Katharina Hauter als Desdemona im schwarzen, hochgeschlitzten Minikleid ist der Blickfang in dieser Männerrunde und nicht nur von Jago, der Othello hasst, weil dieser ihn bei der Beförderung übergangen hat, begehrt. Nicht von ungefähr verschmelzen Jagos und Desdemonas Gesichter ineinander. Dann bestimmen Jagos Intrigen den Gang der Handlung. Diesem Jago gibt der in jeder Phase des Geschehens präsente Mattias Leja die Züge eines eiskalten, berechnenden Machtmenschen, der sein Ziel ohne jegliche Skrupel verfolgt.

Er hasst nicht nur Othello als den Fremden, er will auch Desdemona und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Hilfe leistet ihm dabei seine uniformierte Frau Emilia der streng wirkenden Marietta Meguid, die einen Schal, Othellos erstes Geschenk an Desdemona, ihm übergibt und er so Othello gegenüber behaupten kann, er habe ihn von Cassio. Das macht den Othello des Itay Tirnan zum Berserker, der zum Rasenden wird.

Bis dahin eher der vornehme, zurückhaltende, in jeder Beziehung überlegene General, der weder ein Mohr noch ein angemalter Schwarzer ist, den lediglich sein fremdländischer Akzent in der Diktion als Fremden ausweist, verliert Itay Tiran nun die Fassung. Dazu drehen sich die Decken des im Grund sparsamen Bühnenbilds und werden schräg gestellt.

Othella erwürgt die auf dem Bett liegende Desdemona, während blutiger Regen von oben das Ganze in ein Schlachtfeld zweier sich einst liebender Menschen verwandelt. Und da sind dann auch die zumeist weißen oder schwarzen Uniformen und Kleider von Ute Lindenberg blutrot gefärbt und verschmiert. So endet eine klassische, von Burkhard C. Kosminski überzeugend in die Gegenwart geholte Tragödie sozusagen modern schaurig.