Kultur

Mein Beethoven: Jochen Hörisch

Das Schweigen der Sirenen

Archivartikel

Was das Schweigen und die Stille besagen, ist und bleibt ein Rätsel und Geheimnis, das mich seit Jahrzehnten umtreibt. In der Epoche Goethes und Beethovens, also in einer Zeit ungeheurer und unüberhörbarer politischer, militärischer, infrastruktureller, ökonomischer und eben auch ästhetischer Mobilmachungen haben auffallend viele kluge Köpfe über die Stille und die Ruhe nachgedacht. Nur zwei Beispiele: Wenn, wie Goethes berühmtestes Gedicht es mit bezwingendem Wortzauber beschwört, über allen Gipfeln Ruh ist, wer sagt denn dann, dass auch Du bald ruhen wirst? „Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich die Stille heißt?“ fragt Büchners Lenz den frommen Pfarrer Oberlin. „Seit ich in dem stillen Tal bin, hör ich’s immer, es läßt mich nicht schlafen.“ Man muss kein subtiler Beethoven-Kenner sein, um zu wissen, dass dieser Komponist, der so viele musische Konventionen an ihre Grenzen und darüber hinaus führte, früh schwerhörig und in den letzten Jahren seines Lebens völlig taub war. Beethoven ist der Komponist des Schweigens, der Ruhe, der Stille. Seine Werke (paradigmatisch die „Mondscheinsonate“, die „Pastorale“, die den natura-loquitur-Topos umspielt, und die grüblerischen späten Rasumovsky-Quartette) sind Ausdruck der Einsicht, dass nach der Französischen Revolution mächtige Stimmen wie die des himmlischen und des weltlichen Souveräns verstummt sind, nicht mehr viel zu sagen haben – und dass dies gut ist, weil neue, unerhörte Stimmen erklingen können. Die vieldiskutierte, in Thomas Manns Doktor-Faustus-Roman virtuos verhandelte Frage, warum Beethovens letzte Klaviersonate op. 111 entgegen den Gesetzen des Genres keinen dritten Satz hat, lässt sich leicht beantworten. Es gibt diesen stummen dritten, alles sagenden, Wonne klagenden Satz – lange vor John Cages Komposition „4‘33“.

Jochen Hörisch ist Seniorprofessor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. 2015 erschien in der Anderen Bibliothek sein Buch „Weibes Wonne und Wert – Richard Wagners Theorie-Theater“.