Kultur

Interview Die Künstlerische Leiterin des europäischen Gesangswettbewerbs „Debut“, Clarry Bartha, über die Förderung und Wegbegleitung junger Musiker

„Das Singen verlernt man nie“

Archivartikel

Im Gewehrhaus der von der Jeunesses Musicales Deutschland geführten Musikakademie begannen in dieser Woche die Qualifikationsrunden für den europäischen Gesangswettbewerb „Debut“ und parallel dazu Workshops mit der schwedischen Sopranistin Pia-Marie Nilsson, in denen Stimmbildung und Tipps für die Bühnenpräsenz im Mittelpunkt stehen.

Nach wie vor fühlt sich die Künstlerische Leiterin von „Debut“, Clarry Bartha, auch weiterhin mit dem Kloster Bronnbach eng verbunden. Nach dem Tod ihres Mannes Prof. Reiner Schmidt hatte sie den Vorsitz des gemeinsam gegründeten Förderkreises Bronnbach Klassik übernommen und war Künstlerische Leiterin für die Musikreihen „Bronnbacher Musikfrühling“ und „Konzert zum Sonnenuntergang“ in Boxberg. Hier ein Gespräch über „Debut“.

Frau Bartha, wie viele Bewerbungen gingen zum Sängerwettstreit ein?

Clarry Bartha: Wir hatten 439 Anmeldungen; Prof. Christiane Libor, die auch der Jury angehört, und ich haben 367 Sänger gehört und die Vorauswahl getroffen. 45 Bewerber wurden eingeladen, von denen 30 zugesagt haben.

Dies verwunderte mich nicht, denn das Gesangsniveau war so hoch, dass einige Bewerber zwischenzeitlich feste Engagements oder Zusagen bei anderen internationalen Wettbewerben bekommen haben.

Wo sind die Teilnehmer untergebracht?

Bartha: Alle haben ihr Quartier im Logierhaus der Jeunesses Musicales; dafür sind wir dankbar, denn es ist ein unschätzbarer Vorteil, alle Beteiligten mit den Juroren an einem Ort zu haben und die Schlossräume mit vielen Klavieren nutzen zu können. Überhaupt bietet das Ambiente insgesamt ideale Voraussetzungen für Kurse und Probenwochen.

Spüren die Bewerber den Konkurrenzdruck und gibt es da und dort Spannungen?

Bartha: Wer sehr gut ist, der gönnt auch den anderen Erfolg. Gerade am Beginn einer Karriere bieten Wettbewerbe die Möglichkeit, von den anderen zu lernen und sich zu verbessern. Bei den wirklich zum Gesang Berufenen gibt es keinen Platz für Neid.

Bei den öffentlichen Vorrunden können auch die Mitbewerber zuhören?

Bartha: Ja, der Lerneffekt ist nicht zu unterschätzen; man tauscht sich aus und trifft sich beim Abendessen. In dieser Hinsicht kann ein Wettbewerb sehr anregend und nützlich sein.

Sie selbst haben Karriere gemacht und wurden von den bedeutendsten Opernhäusern der Welt eingeladen. Worauf kommt es denn an, wenn man erfolgreich sein will?

Bartha: Eine exzellente Stimme, gute Ausbildung und ein breites Repertoire sind noch keine Gewähr für den großen Durchbruch; die richtige Agentur und das Marketing gehören dazu. Mit den richtigen Engagements muss man sich dann behutsam entwickeln und die Stimme nicht überfordern.

Verliert man eigentlich die Fähigkeiten, wenn die Karriere den Höhepunkt überschritten hat?

Bartha: Das Singen verlernt man ebenso wenig wie die Sehnsucht danach. Die Leidenschaft zum Gesang wird mich bis ins Grab begleiten (lacht). Jetzt mache ich viel mehr auf der anderen Seite der Bühne, aber ich singe immer noch. Für mich ist es bereichernd und erfüllend, nicht nur junge Sänger, sondern auch Musiker zu fördern und auf ihrem Weg zu begleiten.

Ist die Schere zwischen der Anzahl der Studienabsolventen im Fach Gesang und den Beschäftigungsmöglichkeiten heute zu groß geworden?

Bartha: Wir haben in Deutschland viele Hochschulen und Theater, aber schließlich können nicht alle an der Met oder in der Mailänder Scala auftreten. Die Gesangsausbildung müsste eigentlich etwas breiter angelegt sein. Gute Pädagogen oder Schulmusiker werden immer gefragt sein; aber die rosarote Brille, mit der man sich schon als gefeierter Tenor oder als Sopranistin sieht, muss man schnell ablegen, wenn man nicht als Grundlagen eine fundamentale Ausbildung und einem sehr guten Gesangslehrer und Repetitor hat. Aber mit einer gediegenen Ausbildung und Stimme kann man immer noch an eine Musikschule gehen und in den ausgezeichneten Chören singen, von denen es gerade in Deutschland sehr viele gibt.

Aber es ist auch sehr schwer in einem Opern- oder Rundfunk-Chor eine feste Stelle zu bekommen. Hat ein Theater kein großes Ensemble, besteht die Chance, in kleineren Rollen auf sich aufmerksam zu machen. Was allerdings fehlt, ist manchmal der Mut, jungen Leuten zu sagen, dass beruflich vielleicht ein anderer Weg eingeschlagen werden sollte.

Die Kunstform Lied wird bei „Debut“ diesmal besonders geschätzt?

Bartha: Um diese Kunstform auch im Wettbewerb zu berücksichtigen, hat Konstantin Heuer ein Lied komponiert, das zum festen Repertoire jedes Semifinal-Teilnehmers gehört und vorgetragen werden muss. Beim Liederabend am Donnerstag werden dann zwei Liedpreise vergeben: „Beste Darstellung Zeitgenössisches Lied“ und „Beste Darstellung Deutsch/Französisches Lied“.

Wurden Sie schon gefragt, ob Sie nicht als Pädagogin arbeiten wollen?

Bartha: Schon mehrfach, aber mir fehlt einfach die Geduld dazu. Was mir persönlich liegt: Für Sänger, die singen können, Linien und Farben, das passende Repertoire und eventuell auch Nischen zu finden sowie Selbstbewusstsein zu vermitteln. Bei Meisterkursen konnte ich einiges umsetzen, lernte aber dabei selbst viel und war gelegentlich sogar verwundert, dass meine Gesangslehrerin mir diese Erkenntnisse früher nicht vermittelt hat.

Das Schöne an meinen heutigen Auftritten, etwa bei Chanson-Abenden, ist die Lockerheit, mit der man auf die Bühne gehen kann.

Ich fühle mich sehr privilegiert und nehme mich selbst nicht so ernst.