Kultur

Freilichtspiele Schwäbisch Hall Intendant Christian Doll inszeniert gekonnt den „Jedermann“ / Immer noch von großer Aktualität

„Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“

Archivartikel

1911 in der Inszenierung von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt, ist „Jedermann“ seit 1920 alljährlich bei den Salzburger Festspielen auf dem Platz vor dem dortigen Dom zu sehen. 1925 begann die Geschichte der Freilichtspiele Schwäbisch Hall mit einer Aufführung der Moralität auf der Treppe vor St. Michael. Im dritten Jahr als Intendant setzt heuer Christian Doll „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ in Szene.

Blickfang auf der Treppe vor St. Michael ist diesmal ein Flugzeug-Wrack in mehreren Teilen, das aber erst ganz zum Schluss eine Rolle spielt. Denn da geht es sozusagen in Flammen auf und mit ihm stürzt Jedermann ab. Dann wird der Unglücksort mit rot-weißen Bändern weiträumig abgesperrt. Helfer vom Roten Kreuz, entsprechend uniformiert, eilen herbei. Jedermann bekommt eine Infusion, Wiederbelebungsversuche werden unternommen. Dann stirbt er auf einer Tragbahre und wird mit einem Tuch bedeckt. Der Tod hat ihn geholt.

Modernes Element

Das ist sozusagen das moderne Element der Aufführung, bei der Corneli Brey für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet und die der Gitarrist Johannes Weik musikalisch illustriert. Was die Kostüme betrifft, entsprechen sie dem Stil unserer Tage, wobei Schwarz dominiert.

Neben den realen Personen treten, wie gewohnt, die allegorischen Figuren auf, wie etwa Tod und Teufel, Glaube und Werke oder Mammon. Und auch in sprachlicher Hinsicht hat sich nichts geändert, obwohl da eine behutsam moderne Variante (im Hinblick auf das Flugzeug-Wrack und die Folgen) nicht ganz von der Hand zu weisen wäre. So hört man denn die poetisch-altertümliche Kunstsprache in Versen von Hugo von Hofmannsthal, der die bis ins Mittelalter zurückreichende Geschichte, von ersten Entwürfen 1903, in mehreren Fassungen bis zur endgültigen, erneuert hat.

Ewig-menschliche Frage

Die Moral von der Geschichte des Jedermann: „Während das Glück dir

lacht, wirst Freunde zu zählen in Menge, wenn sich der Himmel bewölkt, findest du bald dich allein“, diese bittere Wahrheit, die Ovid in einem seiner elegischen Lieder „Tristia“ ausspricht und die dem reichen, umschwärmten Jedermann zur schrecklichen Gewissheit wird, geht uns heutige Menschen noch immer an. Und da so ein ewig-menschliches und nicht historisch bedingtes Problem zur Diskussion gestellt wird, lohnt noch immer eine Aufführung des „Jedermann“ – in dieser oder jener Form.

Was die Gestaltung der Aufführung und die Nutzung der in Schwäbisch Hall vorhandenen Möglichkeiten betrifft, muss man dem Regisseur Christian Doll attestieren, dass er den Intentionen von Hugo von Hofmannsthal durchaus gerecht wird, wenn auch das Flugzeug-Wrack zur Verdeutlichung der modernen Aktualität überflüssig ist.

Zu Beginn liegt Gunter Heun als Jedermann, im schwarzen Dreiteiler und weißen Hemd, mit dem Rücken auf der Treppe. Dann kommt Christine Dorner als Gott, mit strähnig-langen Haaren, ganz in Weiß, zu ihm. Danach erklimmt Stefan Lorch, ganz in Schwarz, einschließlich des bemalten Gesichts, langsamen Schritts die vom Marktplatz zur Kirche nach oben führenden 54 Stufen. Kerstin Marie Mäkelburg als arme Nachbarin stolpert sie hinauf.

Jedermann und Alexander Martin als sein guter Gesell nehmen im Cockpit Platz. Claudius Freyer als Schuldknecht bedroht Jedermann mit der Pistole und erschießt sich dann selbst. In jeder Beziehung ergreifend, mit klarer Diktion und tragender Stimme, verkörpert Christine Dorner Jedermanns Mutter. Da fragt man sich, wozu bedarf es der Mikroports!

Blonde Buhlschaft

Martina Maria Reichert ist Jedermanns schlangenhaft blonde Buhlschaft, die mit der rockenden und herumzitternden Gesellschaft auftritt. Vom Turm von St. Michael ruft der Tod mehrmals: „Jedermann“, spricht den Titelhelden aber auch vom Balkon des Rathauses an. Claudius Freyer als dicker und Frerk Brockmeyer als dünner Vetter wollen sich aus dem Staub machen.

Als rothaariger Clown mit rundem Kugelbauch und silbernen Aktenkoffern tritt Kerstin Marie Mäkelburg vor vier riesigen 500-Euro-Geldscheinen als Mammon auf und gibt ein Lied zum Besten. Später singt Tabea Scholz in der Rolle der Werke „Agnus Dei“ und „Dona nobis pacem“.

Mit Sonnenbrille, wie Martina Maria Reichert, die als stummer Glaube mit Jedermann ringt, steht sie diesem zur Seite. Da kann auch Rouven Magnus Stöhr als gehörnter Teufel im Pelz nichts ausrichten. In der Titelrolle überzeugt Gunter Heun als die Höhen und Tiefen im Leben des Jedermann gekonnt ausleuchtender, einem Manager von heute gleichender reicher Mann.