Kultur

Literatur regional Jan Turovskis Roman „Die Spur der Louise B.“ ist bei Klaus Servenes in Mannheim begründeter Edition Andiamo als „Book on demand“ erschienen

Das Unfassbare der europäischen Geschichte

Archivartikel

„Louise B. legte das graue Heft aus der Hand. So ist das alles nicht gewesen, sagte sie vor sich hin. Ihr Vater war seit sechsundzwanzig Jahren tot. Schon merkwürdig, dachte sie, jetzt im Alter erreicht er mich.“ Bereits der Anfang von „Die Spur der Louise B.“ verweist auf eine sich unaufhörlich drehende Spirale, die hineinführt in Schlünde vergangener Leiden und Freuden, in versehrte Kinder- und Kriegstage, ins Bangen und Hoffen auf etwas wie Wahrheit und Erlösung: „Und obwohl sie es besser wusste, fühlte sie, dass sie als winzige Spur im Wahnsinn des Krieges selbst zu einer Spur von Hoffnung wurde. (…) Ich bin eine Spur, denkt sie. Ich habe eine Spur, ich hinterlasse etwas.“

In seinem neuen Roman, dem 14., der in der in Mannheim von Schriftsteller Klaus Servene begründeten Edition Andiamo erschienen ist, spiegelt der 1939 in Bielefeld geborene und heute in Godesberg bei Bonn lebende Schriftsteller Jan Turovski in 24 Kapiteln das Unfassbare der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts im Privaten.

Traumatische Erinnerungen

Die Vergangenheit der 75-jährigen Louise B., der Protagonistin des Romans, wird präsent aus ihren traumatischen Erinnerungen, aus den Briefen ihres Vaters von der Front, aus dessen Tagebuch, dem „grauen Heft“, das sie im Sekretär des Kinderzimmers unter vergessenen Sachen gefunden hat. Doch ist diese Vergangenheit aus Sicht der Heldin nie eindeutig, Geschehnisse überschneiden sich, Fremd- und Selbstwahrnehmung decken sich selten.

Dabei gab es in Louises Leben ein Übermaß an Zeitgeschichte, das ins Private hinüber schwappte: zwei Weltkriege, die Staatsgewalt der Nachkriegszeit, eine vielköpfige Herkunftsfamilie, die Unberechenbarkeit eines strengen Vaters, die Eigenliebe ihres schwerkranken Ehemanns, die Behinderung ihres Sohnes oder die 1985 plötzlich unternommene Reise in das sowjetische Russland als Aufbegehren gegen all das. Hier liegt ihr Bruder begraben, der mit 19 Jahren gefallen ist, hier nimmt sie die berauschende Liebe zwischen der Reiseleiterin und einem jungen Mann aus Deutschland wahr als eine Art Projektion eigener unerfüllter Wünsche, und hier wird sie in der Erlöserkirche von Nowgorod zum ersten Mal eine Art innere Befreiung spüren.

Seltene sprachliche Prägnanz

Es braucht wohl die Erfahrung eines ganzen Lebens, Jahre intensiven Lesens und Schreibens, um den literarischen Teppich so durchkomponiert auszubreiten, wie Turovski es in diesem Roman getan hat, der als „Book on Demand“, als Abrufbuch, erhältlich ist. Der Schriftsteller führt die Figurenzeichnung, die verschiedenen Handlungsebenen, die Melancholie der Vergänglichkeit mit einer sprachlichen Prägnanz vor, die ihresgleichen sucht.

Vor allem ist es Turovskis Schreibstil, der den Leser direkt ins Geschehen zieht und so die Spannung und die Lesefreude bis zum Schluss aufrechterhält.

Zum Thema