Kultur

Schauspiel Carsten Brandaus „schiefer gehen“ uraufgeführt

Dem Misserfolg gehört die Welt

Archivartikel

Versager haben’s schwer. Auf sie wartet keine Yacht im Mittelmeer und kein Bungalow unter Palmen am weißen Strand. Außerdem müssen sie lernen, möglichst neidlos zu akzeptieren, dass andere erfolgreicher sind als sie. Ein schwieriges Unterfangen. Denn wer ständig scheitert, hat kaum Chancen, jenen Karrieregipfel zu erklimmen, der dem entspricht, was man glaubt, seiner positiven Selbstachtung schuldig zu sein. Diesem komplizierten und vielschichtigen Thema hat Carsten Brandau unter dem Titel „schiefer gehen“ ein Stück gewidmet, das laut Ankündigung des Mannheimer Theaterhauses G7 „von Erfolg und Misserfolg, von der Angst vorm Versagen und dem Druck immer wieder gewinnen zu müssen“ erzählt.

Humorvoller Zugriff

Aber ganz so ist es nicht! Denn die Uraufführung, zugleich Auftakt für ähnliche Projekte, an denen sich außer dem Stadtarchiv („Marchivum“) auch das Mannheimer Nationaltheater und der Berliner Club „Polnische Versager“ beteiligen, betont nicht so sehr die brisanten gesellschaftspolitischen Konflikte, den Leistungsdruck und die zementierten Wertevorstellungen, an denen sogenannte Versager häufig zerbrechen. Stattdessen haben sich Carsten Brandau und die Regisseurin Inka Neubert lust- und humorvoll auf das Scheitern und die verhängnisvollen Spannungen im zwischenmenschlichen Bereich eingelassen.

Der Schauspieler Jo Schmitt steht im Dunkeln auf einer kleinen rollbaren Bühne und wartet auf seinen Auftritt. Mehrmals ruft er vergeblich nach Licht. Seine offenbar dafür verantwortliche Partnerin Fiona Metscher mit pinkfarbener Perücke und dazu passender Strumpfhose (Ausstattung: Linda Johnke) liefert lieber Theaterdonner und Windgeräusche. Ein Missgeschick. Ihm folgt eine Serie von „Verfehlungen“, die prompt auslösen, was wir wohl alle aus der Alltagspraxis kennen: Vorwürfe, Anzüglichkeiten und perfide Gemeinheiten. Entsprechend gehört die Behauptung, dass mit dem anderen immer alles „schief und schiefer“ gehe, zu den gängigen Redewendungen des Abends.

Doch Fiona Metscher und Jo Schmitt beschränken ihre Auftritte keineswegs auf Körpersprache und Situationskomik, sie brennen zudem – und das höchst virtuos – ein Feuerwerk sprachlicher Verfremdungen ab, als gelte es, all die Kläglichkeit des Menschseins vor dem Hintergrund verbaler Bruchstücke zu entlarven. Bemerkenswert konzentriert, begleitet von hübschen Einfällen, führt Inka Neubert ihre beiden Darsteller durch den siebzigminütigen Abend, zu dem auch Surreales gehört, weil die Regie zwar Reales meint, aber auf traumhafte Sequenzen nicht verzichtet.