Kultur

Jazz Sängerin Erika Stucky begeistert einmal mehr bei ihrem traditionellen Jahresabschluss-Auftritt in der Mannheimer Alten Feuerwache

Den Blues verschlägt es in die Schweizer Bergwelt

Archivartikel

Alle Jahre wieder, wie sie selbst gegen Konzertende feststellt, kommt Erika Stucky knapp vor Silvester in die Alte Feuerwache in Mannheim. Die ganze, nun ausgehende Dekade hat sie auf diese Weise begleitet.

Tatsächlich würde es schwerfallen, sich einen Jahreswechsel ohne die schweizerisch-amerikanische Künstlerin vorstellen zu müssen, die gern und etwas unscharf als „Jazzsängerin“ bezeichnet wird, was aber nur einen Teilaspekt ihrer Stimm- und Bühnenkunst vermitteln kann, die zwischen hochfloriger Gesangs-Grandezza, theatraler Performance-Art-Klangforschung und (jodelndem) Gipfelsturm changiert.

In ihrem vorangegangenen Programm, „Tuba Kong“ (für uns ein ausgewiesener Höhepunkt der Stucky-Besuchsreihe), hatte sie sich vom Sound klassischer Monsterfilme inspirieren lassen. Dieses Mal sind es keine Kreaturen der Nacht, die in Schwarzweiß über die Leinwand flimmern, um sich dort mit Stuckys Schattenwürfen zu verbinden, sondern: Ziegen. Auf einem Hof mit alpinem Panorama.

Wie immer ausverkauft

„Stucky sings the Blues“ hat die Sängerin ihr Programm genannt, in dem sie ihrer ureigenen, von Schellackplatten und schweizerischer Bergbauernweisheit („Kaffee ist wichtig!“) befeuerte „Swiss Blues“-Vision der Zwölf-Takt-Musik den Weg bereitet. Und die startet mit einer kernigen, trocken-rockend in den rauen Fallwind geworfenen Version des Rolling-Stones-Songs „Can’t You Hear Me Knocking“.

Die Sängerin, die an diesem Abend vor ausverkauften Haus auch Mund- und Ziehharmonika spielt, hat zwei hochgradig spannende Gitarristen an ihrer Seite: Terry Edwards, der zusätzlich zu Bass, Saxofon und Trompete greift, und mit seiner Vita eine ehrfurchtgebietende Kollaborationslinie von Madness über PJ Harvey und Nick Cave bis zu Tom Waits ziehen kann. Stuckys zweiter Bühnenflügelmann ist Paul Cuddefords, der schon für illustre Künstler wie Bob Geldof, Tom Jones, The Pogues, oder David-Bowie-Gitarrist Reeve Gabrels die Saiten zum Klingen brachte. Das Trio beschert seinem Publikum knapp zwei bluesig-avantgardistisch schimmernde Konzertstunden, die mit Stucky-Stücken, uns völlig unbekannten Werken und Songklassikern chaussiert sind, wie das mit Sirup-Viskosität dahinfließende „Just Like A Woman“ und das wunderbar abgehangen und schroff interpretierte “Maggie’s Farm“, beides von Bob Dylan.

Weitgespanntes Repertoire

Hervorragend gerät auch „Oh Lord Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“ aus der Feder von Charles Mingus, das Stucky und ihre Mitstreiter berückend launisch und pastos durch den Äther treideln. Als Zugabe reicht die Ausnahme-Sängerin und -Performerin ein Stück aus Henry Purcells Oper „Dido and Aeneas“, in der sie vergangenen März in Lyon eine der Hexen gegeben hatte. Sie ermuntert schließlich mit einem Wiegenlied dazu, von Schildkröten und Libellen zu träumen. Sehr gern doch, und umso lieber, als sie auch dieses Mal die erhofften Worte spricht: „Aber ich komm’ wieder, nächstes Jahr.“

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