Kultur

Literatur Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho hat einen neuen, kleinen Roman geschrieben

Den Bogen maßlos überspannt

Aneinanderreiher flacher Weisheiten, Esoterik-Schwadroneur, Ratgeberromanproduzent, Theorienverflacher, Klischeeritter... und immer so fort wurde der Brasilianer Paulo Coelho tituliert. Alles stimmt, doch die Kollegen- und Kritikerschelte bringt die Leute nicht weg von ihm. Im Gegenteil. Mehr als 200 Millionen Bücher wurden weltweit an Leserinnen und Leser gebracht. Natürlich muss ein Verlag so eine Kuh melken, solange sie Milch gibt. Doch nie war dieses Marktfütterverfahren so offensichtlich wie jetzt - und das noch unter dem Slogan "Eine kleine Sensation". Da darf man schon ein wenig verärgert sein, und auch der ganz normal zugeneigte Buchkonsument wird Ähnliches empfinden.

Ein kleiner älterer Gelegenheitstext wird mit Freiseiten, überzogener Schriftgröße, luftigem Satz und gut gemeinten Zeichnungen zu einem ausgewachsenen Buch hochgestaltet, dessen Inhalt man in einer Stunde mit wenig Gewinn und mehr Enttäuschung gelesen hat. Ums Bogenschießen geht es und wie sich darin die Welt spiegelt. Diesmal macht sich der Erfolgsautor gar nicht erst die Mühe, so etwas wie eine Geschichte zu ersinnen, sondern hängt seine Weltsicht an Sehne, Pfeil und Bogen, wobei der Schuss kerzengerade nach hinten losgeht.

Anregen ließ Coelho sich vom deutschen neukantianischen Philosophen Eugen Herrigel und seinem erfolgreichen Standardwerk "Zen in der Kunst des Bogenschießens", das nach dem Zweiten Weltkrieg und nach einer dubiosen Zeit des japanfixierten Autors während des Nationalsozialismus erschienen ist und seither immer wieder aufgelegt wird. Coelho nun trivialisiert die nach Europa importierten, das Bewusstsein schulenden Zen-Gedanken und überspannt dabei den Bogen seines Gutmenschentums in salbungsvoller Penetranz.

Der Schütze als Tischler

Wie macht er das? In einem freiwilligen Exil verdingt sich Tsetsuya, der beste Bogenschütze des Landes, unerkannt als Tischler. Dort fordert ihn ein jüngerer Fremder heraus, um der Legende zu Lebzeiten den Ruhm zu nehmen. Er tut es mit einem beachtlichen Schuss in die Weite, wo er eine Kirsche trifft. Danach geht der Herausgeforderte auf eine gefährlich wankende Brücke und trifft von da einen 20 Meter entfernten Pfirsich, dem Fremden gelingt das nicht und er erbleicht. T. erklärt ihm, dass ein Schütze sein Schlachtfeld nicht selbst wählen kann und auch bei ungünstigen Bedingungen treffen muss. Dritter im Bunde ist ein Junge, der nun zum Schüler wird und dem der Meister T. fortan ein Wissen entdeckt, das in seiner Seele schlummerte. Der Bogen diene "zum Töten und zum Meditieren" und tauge zum Gleichnis für das Leben.

Darüber spricht fortan der Lehrmeister zu seinem Schüler, bis er ihn so mit Weltsicht abgefüllt hat, dass er ihn zum Schlafen nach Hause schickt. Der Leser ist ihm da womöglich schon vorausgegangen. Wie ein Regelwerk in Paragrafen hatte T. sein Wissen hingebreitet auf dieser Schnittstelle von Banalität und Pathos, wo Coelho ungebremst am Geduldsfaden zieht. "Jeder Pfeil fliegt anders", erfährt man und dass der Schütze nichts mehr tun kann, wenn er abgeschossen ist. Trifft man aber, singen die Vögel ringsum. Coelho führt vor, wie man Binsenweisheiten zu unfreiwilliger Komik steigern kann: "Ist der Pfeil einmal losgeflogen, kommt er nicht mehr zurück."