Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Denkmal oder Schandmal?

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

letztes Wochenende demonstrierten allein in Berlin 8000 Bürgerinnen und Bürger, um nach dem Tod von George Floyd ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Solche Massen von Menschen in Zeiten von Corona sind natürlich beunruhigend, ich wünschte, es wäre nicht notwendig, aber Corona-Zeiten sind Zeiten, in denen die Missstände klarer hervorgetreten sind: Alle saßen zuhause im Lockdown, alle saßen vor Bildschirmen, als die Bilder von George Floyds Tötung um die Welt gingen.

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Die Vergleiche mit den USA sind schwierig, doch die Debatten über Rassismus erreichen nun auch Europa mit einer ungekannten Wucht. Im englischen Bristol landete während einer Demo die Statue des Sklavenhändlers Edwards Colston im Hafenbecken. Seither ist ein Streit über Erinnerungskultur und Denkmäler entfacht, der – wie alle Debatten derzeit – stark polarisiert. Die einen sehen hier totalitäre Weltverbesserer am Werk, die anderen haben den Totalitarismus des selbstverständlich Ewigen satt: Weil es historisch gewachsen sei, müsse es so bleiben. Aha!

Die Protestierenden werden als Vandalierer beschimpft. Geschichte lasse sich nicht auslöschen. Richtig. Geschichte wurde aber geschrieben. Im Falle der Statue von Colston ging der Entscheidung, ihn zu verewigen, nie ein demokratischer Prozess voraus – die Statue wurde so eigenmächtig erbaut wie abgerissen. Die Aufschrei-Debatten verdrängen leider die interessanten und komplexen Fragestellungen hinter der Problematik.

Auch liberale Intellektuelle wie Tocqueville vertraten damals die Ansicht, Sklavenhalter sollten für die „Enteignung ihrer Sklaven“ finanziell entschädigt werden. Obgleich man die Sklaverei abschaffte, blieb die Verdinglichung der schwarzen Menschen bestehen. Sklavenhalter erhielten allein in Großbritannien Geld im heutigen Wert von etwa 30 Millionen Euro. Nicht die Entrechteten wurden entschädigt, sondern die Entrechter. Dank solcher Entschädigungszahlungen als Ex-Sklavenhalter posierten die Weißen in ihren Gemeinden als Philanthropen, die später mit Statuen verewigt wurden, nicht selten auf eigenen Wunsch. Es ist späte Gerechtigkeit, diese Geschichten endlich in ihrer Ambivalenz zu erzählen. Hören Sie, trotz des Lärms, etwas genauer hin. Und bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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