Kultur

Theater Heilbronn Uta Koschel verabschiedet sich mit Arthur Millers Drama „Hexenjagd“

Denunzieren als Volkssport

Gerade 33-jährig wurde Arthur Miller 1949 für „Tod eines Handlungsreisenden“ mit dem begehrten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ebenso wie seine Protagonisten war Miller von Existenznöten betroffen. Auch sein nächstes Stück „The Crucible“ („Hexenjagd“) trägt autobiografische Züge, brachte ihm aber weniger Glück.

Zum Abschied ihrer Arbeit als Chefregisseurin am Theater Heilbronn hat Uta Koschel das Drama auf die Drehbühne gehievt. Vom Regieteam Koschel, Sophie Püschel (Dramaturgie) und Tom Musch (Ausstattung) handwerklich gut gemacht und leidenschaftlich vom Ensemble vorgetragen, reißt die Inszenierung nicht wirklich vom samt-gepolsterten Klappsitz.

Warum? Wo doch der Ankündigungstext versichert: „Bis heute hat ‚Hexenjagd‘ nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Die Mechanismen von Massenhysterie und Fanatismus verschärfen sich in Zeiten von Fake News und irrationalen Ängsten. Sie schüren ein Klima, in dem sich Lügen ungehindert ausbreiten, die der Nährboden für Hass, haltlose Anschuldigungen und Verfolgung sind“.

Arthur Millers „Hexenjagd“ entstand 1953 auf dem Höhepunkt der Kommunistenverfolgung während der McCarthy-Ära in den USA. Davon selbst betroffen erinnert Miller die Verhörpraxis der Kommunistenjäger an die Hexenprozesse von 1692.

Tanzen verboten

Sie begannen mit einem nichtigen Anlass – Mädchen tanzen nachts (eventuell auch nackt) im Wald. Vom Pastor, dessen Tochter und Nichte mittanzen, wird der Spuk beobachtet, dramatisiert und in der bigotten Atmosphäre des puritanischen Örtchens Salem dämonisiert. Tanzen, wie auch Lesen oder Theater spielen, waren nicht nur verpönt, sondern verboten. Schließlich entwickelte sich (durch religiös motivierte Fehlanreize) eine Lawine aus Verleumdungen und Fantasterei, kurz ein Skandalon mit gravierenden Folgen: Über 100 Verdächtige wurden gehängt.

Es entsteht eine Dynamik des Mordens, wie sie schon 100 Jahre zuvor bei der Hexenverfolgung in Südwestdeutschland beobachtet werden konnte. Der bestdokumentierte Hexenprozess (über 1000 Seiten im Landesarchiv Baden-Württemberg) galt Katharina Kepler.

Er fand 1620 in Güglingen (Landkreis Heilbronn) statt. Dank ihres Sohnes Johannes Kepler, seines guten Rufs als Gelehrter und seiner Beziehungen zu Theologen und Juristen) konnte sie nach 14 Monaten Haft und Folter frei gesprochen werden. Das wusste Arthur Miller natürlich nicht. Statt dem Phänomen Hexenverfolgung analytisch auf den Leib zu rücken (in der Hoffnung Licht in die dunklen Verwirrungen und Machenschaften zu bringen), verstrickt der Autor seine Protagonisten immer tiefer in das Konstrukt aus Angst und Wahn. Wenn der Arzt nicht weiter weiß, wird ein Exorzist zu Rate gezogen. Der darf natürlich lesen. Sein Lieblingsbuch ist der dicke Hexenhammer, ein Nachschlagewerk und Ratgeber für Inquisitoren.

Der Titel „The Crucible“, wörtlich „Schmelztiegel“, bezieht sich auf einen Satz im Stück, wo vom herausschmelzen der Wahrheit die Rede ist. Wesentlich weniger reißerisch als der übersetzte Titel „Hexenjagd“ ist Miller ist an Wahrheitsfindung interessiert. Schildert er im ersten Teil des Dramas die Dynamik der Verleumdung, quasi wie aus einem unbedachten Satz „Meine Frau liest seltsame Bücher. Das stört mich“ (Giles Corey, ein Bauer) durch Gerede eine Hexe (im Falle Millers ein Kommunist) wird, das Denunzieren förmlich zu Volksport wird, konzentriert sich der zweite auf die perfiden Verhörmethoden. Zugespitzt in der Rolle seines Alter Egos, des Bauern John Proctor.

Herausragend Hannes Rittig in der Rolle des bodenständigen Farmers John Proctor, der zwar nicht bibelfest, aber in der Stadt respektiert ist. Er hatte eine sexuelle Affäre mit der Hausangestellten (die Nichte des Pastors), versucht seinen Fehler gutzumachen, ist um den Erhalt seiner Ehe bemüht, bietet mutig dem Pastor und der Großgrundbesitzerin die Stirn. Er stellt sich der Festnahme seiner Frau entgegen. Um sie und andere zu retten, macht er sogar seinen Ehebruch öffentlich: Doch er scheitert, kommt ins Gefängnis und geht mit Würde seiner Hinrichtung entgegen.

Schreie und Gekreische

Anders gesagt: Arthur Miller hat sich den Wunsch einer Lebensbeichte mit der Rolle des John Procter erfüllt. Dabei verliert Miller – anders als Johannes Kepler – die Verfolgung der Hexen aus dem Blick. Umso heftiger bemüht sich die Inszenierung mit Panikkreischen, Angst- und Verzweiflungsschreien dem Thema Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Warum in transatlantische Ferne schweifen, wenn die Geschichte vor der Haustür liegt? Studieren wir in die amerikanische Literatur, nur um uns weiterhin beim Wiederkäuen alter Narrative zu bestätigen? Ansprüche auf Bildung, Diskurs, Erkenntnis oder Neudeutung im gegenwärtigen Kontext versanden. Was in samt-gepolsterter Konsensdemokratie bleibt, ist freundlicher Applaus.