Kultur

Kunst Darmstädter Mathildenhöhe präsentiert Konzeptkünstler Olaf Nicolai / Träger des renommierten Wilhelm-Loth-Preises

„Der Alltag ist Humus für meine Kunst“

Archivartikel

Wie erklärt man, was Olaf Nicolai macht? Der ist nämlich schwer zu fassen, obwohl er keine komplizierte Kunst schafft. Aber sie lässt sich nicht auf den Punkt bringen, bewegt sich zwischen Sprache und Schrift, Musik und Raum, Kultur und Natur. Olaf Nicolai ist ein Konzeptkünstler, der von der Sprache kommt. Er hat Germanistik studiert und war mehrmals auf der Kasseler Documenta und der Biennale in Venedig vertreten. Sein Bruder Carsten, ein studierter Landschaftsarchitekt, ist übrigens ein gefragter Künstler zwischen Musik und Medien.

Jetzt kann man Olaf Nicolais Ideen anschaulich verfolgen im Darmstädter Museum Künstlerkolonie, wo ein Dutzend Werke aus rund 25 Jahren versammelt sind. Diese Überblicksschau betont Nicolais Faible für Künstlerbücher. Sie sind für den 57-Jährigen nicht nur ein Informationsmedium, ihn interessieren auch das Drucken und die Farben. Da trifft er sich mit Großherzog Ernst Ludwig, der in Darmstadt vor 120 Jahren die berühmte Künstlerkolonie gründete. Zu der gehörte auch eine Presse mit fein ausgestatteten Büchern.

Olaf Nicolai ist also ein würdiger Träger des renommierten Wilhelm-Loth-Preises der Stadt Darmstadt, den er vor einem Jahr erhalten hat. Der Kunstpreis wurde vor 25 Jahren nach dem Darmstädter Bildhauer Wilhelm Loth benannt, der sich der figurativen Kunst verschrieben hatte. Auch Nicolai firmiert als Bildhauer an der Münchner Kunstakademie, wo er lehrt, aber er betätigt sich in allen Medien, von Fotos bis hin zu Installationen.

Erstaunlich ist auch seine Begeisterung für vielerlei Themen. Wenn ihn etwas interessiert, geht er auf die Suche nach mehr Material, oft zusammen mit Kollegen. „Der Alltag ist Humus für meine Kunst“, meint Nicolai, der ein Netz spinnt zwischen Alltag, Politik, Literatur und Kunst. So entwarf er mit einem Designer eine farbige Computerschrift, deren Farbkombination ebenso verändert werden kann wie der Rhythmus des Blinkens.

Sprache in verschiedenen Formen

Die Schrift ist natürlich nur schwer lesbar, aber sehr ästhetisch – ein Widerspruch, der Nicolai reizt. Zwei dieser Buchstaben hängen als große computergesteuerte Lichtobjekte an der Wand, aber der Besucher kann auch am Computer die Schrift erkunden. Oder ein mit dieser Schrift gedrucktes Buch von Paul Scheerbart entziffern, der sich zu Großherzog Ernst Ludwigs Zeiten als Autor fantastischer Literatur hervorgetan hat.

Doch Nicolai interessiert Sprache nicht nur in gedruckter Form, sondern auch ihr Klang und ihre Bedeutung. So hat er in der Münchner Pinakothek der Moderne das weite Treppenhaus für Aufführungen von Liedern genutzt, aber jeder der im Jahr 2011 beauftragten Komponisten sollte sich auf ein aktuelles Ereignis beziehen.

Entsprechend breit ist die Themenpalette, vom just gestorbenen Musiker bis zur Nuklearkatastrophe von Fukushima. Olaf Nicolai denkt also doch wie ein Bildhauer, denn „im Treppenhaus ist vor allem Luft enthalten, und Gesang ist ja sozusagen geformte Luft“.

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