Kultur

Geburtstag Jürgen Bosse war von 1977 bis 1988 Schauspieldirektor des Nationaltheaters / Am Montag wird er 80 Jahre alt  

Der aufklärerischen Theatertradition verpflichtet

Archivartikel

Ein aufmerksam musternder Blick durch die kleinen Augengläser, ein kurzes Innehalten und schon begann Jürgen Bosse druckreif zu sprechen. Worüber? Natürlich übers Theater und jenes Stück, das er gerade inszenieren wollte. Ohne diesen ständigen Bezug zur Bühne hätte man sich Mannheims ehemaligen Schauspieldirektor Jürgen Bosse, der am vierten November achtzig wird, nur schwerlich vorstellen können. Obwohl er, 1939 im norddeutschen Quakenbrück geboren, zunächst Landwirtschaft studierte, bevor er sich dem Sprechtheater zuwandte. Und das gleich als Assistent von Fritz Kortner. Sein Regiedebüt gab er 1970 mit Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ in Wuppertal. Dort war unter dem Intendanten Arno Wüstenhöfer ein Theater entstanden, dem die Darsteller und Stücke wichtiger waren als gewaltsame szenische Einfälle.

Folgenreiche Erfahrung

Für Jürgen Bosse eine folgenreiche Erfahrung. Denn nachdem ihn Schauspieldirektor Claus Leininger, dessen Nachfolge er 1977 antrat, nach Mannheim gelockt hatte, begann er bald jenen „literarischen“ Spielplan fortzusetzen, den er aus Wuppertal kannte. Zum Regietheater hielt er Distanz. Nicht über das Spektakuläre fand er Zugang zu den Figuren, sondern über das Alltägliche. Bosse fühlte sich der aufklärerischen Tradition des Theaters verpflichtet. Entsprechend vertraute er den Texten und vor allem seinen Schauspielern, deren Möglichkeiten er genau einzuschätzen wusste.

„Glücklichste Jahre“ in Mannheim

Stücke wie Friedrich Wolfs „Cyankali“; Ödön von Horváths „Bergbahn“ (in Herbert Wernickes tollem Bühnenbild) oder Arnolt Bronnens „Vatermord“, mit dem das Mannheimer Ensemble 1980 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, mussten seiner Ansicht nach nicht zertrümmert werden, um die darin angelegten realistischen Wahrheiten zu entschlüsseln. Gleiches gilt für andere Dramatiker, die er inszenierte, etwa Botho Strauß, Rolf Hochhuth, Frank Wedekind oder Bernard-Marie Koltès, mit dessen Stück „Quai West“ das Mannheimer Schauspiel 1987 erneut zum Theatertreffen nach Berlin reiste.

Im Nationaltheater verbrachte Bosse nicht nur seine erfolgreichsten, sondern auch seine „glücklichsten Jahre“. So jedenfalls hat er es später einmal formuliert. 1988 ging er als Intendant ans Staatstheater Stuttgart und leitete später in gleicher Position das Grillo-Theater in Essen. Wo und wann Jürgen Bosse auch immer inszenierte – er besaß eine unverwechselbare künstlerische Handschrift. Mit ihr hielt er sich wohltuend fern von den oft bunt lärmenden Jahrmärkten dieser Branche und den nicht selten staubtrockenen Forderungen aus den Gelehrtenstuben.