Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Der Bundeshorst

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

heute ist ein Tag, an dem über Gewalt in meiner beschaulichen schwäbischen Heimatstadt Stuttgart geredet wird. Ja, das ist auch eine Heimat, meine ersten zwanzig Jahre verbrachte ich im Speckgürtel von Stuttgart.

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Statt die Geschehnisse in Stuttgart zunächst vernünftig zu analysieren, wie es Oberbürgermeister Fritz Kuhn tun will, prescht Bundesinnenminister Horst Seehofer vor und meint, er müsse in einem Interview die Stuttgarter Ereignisse mit den Worten einer taz-Kolumnistin in Verbindung bringen. Solche „Enthemmung der Worte“ führe zu „Gewaltexzessen, genauso wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben.“ Die Jungs aus dem Party- und Drogenmilieu lesen sicher alle die taz.

Seehofer kündigt nun an, Anzeige erstatten zu wollen. In sozialen Medien ist seit Sonntag ein Kampf ausgebrochen: Die meisten Journalistinnen und Journalisten verstehen die angekündigte Anzeige als Angriff auf die Pressefreiheit. Gleich, wie sie zu der Kolumne stehen: Ein Regierungsmitglied will eine Kolumnistin anzeigen – das erinnert zu viel an Erdogan und was er seit Jahren mit seinen Intellektuellen veranstaltet. Andere meinen, Seehofer sei eben Medienprofi genug, um auf diese krawallige Art von Armin Laschet und Philipp Amthor abzulenken.

Um die Kolumne in der taz ist ein Streit entfacht, weil einige ihn so lesen, dass die Polizei mit Müll gleichgesetzt werde. Andere, wie der FAZ-Journalist Patrick Bahners, heben den Satire-Charakter des Textes hervor, das Ziel sei, die Verdinglichung von Menschen einmal entlang der Polizei durchzudeklinieren.

Ich will hier nicht über den Text urteilen, dafür bräuchte ich mehr Platz. Doch der Bundesinnenminister will eine Journalistin anzeigen. Schon ihr Name ist für viele Medien schwierig, ständig schreiben sie „taz-Kolumnistin“ statt Hengameh Yaghoobifarah. Seehofer weiß genau, er lenkt so die Aufmerksamkeit des rechten Mobs auf Yaghoobifarah. Er kennt die Todeslisten der Rechten.

Seehofer, der „bis zur letzten Patrone“ gegen Zuwanderung kämpfen wollte, sieht nun durch diese Kolumne den Frieden gefährdet. Wenn einer den inneren Frieden gefährdet, dann ein Bundeshorst, der das Heimatministerium dafür missbraucht, jetzt zu spalten statt zu schlichten. Warum nur erinnert das so stark an Trump? Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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