Kultur

Festspiele Ludwigshafen Deutsches Schauspielhaus Hamburg gastierte mit Shakespeares „König Lear“ im Pfalzbautheater

Der Herrscher als Sozialfall

Archivartikel

Etwas klapprig wirkt er schon, der alte Herr. Wie ein Gespenst schleicht er im grauen Anzug an der weißen Wand entlang, als ob ihm der schräg nach vorn abfallende Bühnenkasten von Johannes Schütz keinen zuverlässigen Halt bieten würde. Ein amtsmüder König, vor dem sich niemand mehr bäuchlings auf den Boden wirft, wie es einst finsterer Brauch war. Doch als er sein Reich unter den drei Töchtern verteilt, ist er plötzlich hellwach, stellt eitle Ansprüche, verlangt ein öffentliches Liebesbekenntnis zu seiner Person.

Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, dass die Welt häufig eine Folter ist und alle, die in ihr auf Zuneigung und Wärme hoffen, sich nicht selten in Abhängigkeiten begeben. Shakespeares „König Lear“ ist dafür beispielhaft. Schließlich: Wer viel zu vererben hat und zu Lebzeiten entsprechenden Dank erwartet, fordert die Lügner geradezu heraus.

Bald wird aus dem Schenkungsakt ein furioser Krach, dem Böses folgen wird. Lear sitzt in der Familienfalle.

Vor rund zehn Jahren inszenierte Karin Beier das Stück komplett mit weiblichem Personal und Barbara Nüsse in der Titelrolle. Jetzt hat sie sich in der Übersetzung von Rainer Iwersen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg für eine Mischform entschieden: Edgar Selge spielt den Lear, Carlo Ljubek und Samuel Weiss sind seine Töchter Goneril und Regan, die ihm verbale Liebkosungen in die Ohren singen.

Cordelia hingegen darf sein, was sie ist, eine Frau, kehrt jedoch später, verstoßen vom wütenden Vater, als dessen Narr zurück. Eine Rolle, der sich Lina Beckmann mit zärtlicher, geradezu rührender Hingabe widmet.

Die Welt als Ort des Schreckens

Edgar Selge als Lear ist kein leichtfertiges Kind, das seine Macht verschenkt, um fortan als Ruheständler beglückt mit seinen lärmenden Rittern jagend durchs Land zu ziehen, sondern ein abgedankter Schreckensherrscher, der auch weiterhin seine königliche Position vertritt und deshalb fassungslos auf die Demütigungen der Töchter Goneril und Regan reagiert.

So setzt die Hamburger Aufführung bei den Ludwigshafener Festspielen im Pfalzbautheater bald sichtbare Zeichen für eine Welt, die den Dunkelkammern der menschlichen Seele reichlich Raum gewährt. Aus diesen Zonen der Finsternis kommt vor allem einer, Bösewicht Edmund, Gloucesters Bastard-Sohn, der seinen Bruder verrät und zusieht, wie man seinem Vater die Augen aussticht. In kurzen Hosen, mit pechschwarzen Haaren demonstriert Sandra Gerling großartig und gnadenlos hart, was es heißt, sich inmitten intrigierender Zeitgenossen persönliche Vorteile zu verschaffen. Wohl angeregt von Becketts absurder Welt, die im Shakespeare von 1606 vermutlich ihre „Endspiel“-Wurzeln hat, öffnet Karin Beier die Tragödie immer wieder für groteske unterhaltsame Clownerien, die das Stück allerdings drastisch verkleinern und die Handlung zerfasern. Zwar hat die Regisseurin zuweilen wunderbare poetische Einfälle, dann erzeugt ein Tuch den Wellenschlag des Meeres oder Cordelia bürstet sanft die spärlichen Haare ihres Vaters. Aber wenn es ernst wird, unterschwellig die Frage nach dem Sinn des Leidens gestellt wird, verlässt sich die Regisseurin zu sehr auf die greisenhaften Bekenntnisse Selges, dessen Lear-Wahnsinn mehr sein müsste als nur die Trauer eines Enttäuschten.

Radikales Besitzdenken

Dass Karin Beier nicht allein den Zerfall eines Reiches beschwört, von Unmenschlichkeit, Seelenverwüstung und radikalem Besitzdenken erzählt, sondern auch die Kälte der Moderne und ihre gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen im Blick hat, gehört unbestreitbar zu den Stärken ihrer Inszenierung.

Hat man früher das Alter mehr oder weniger gewaltsam entsorgt, schiebt man es heute ins Seniorenheim ab. Ein gewaltiger humaner Fortschritt. Ob man ihn allerdings, wie es Karin Beier versucht, am Schicksal Lears verdeutlichen kann, ist mehr als fraglich. Denn für Shakespeare war er sicher kein Sozialfall, den man in den Rollstuhl zwingen wollte.

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