Kultur

Der Horizont verdunkelt sich

Schon klar, auch das Leben als solches hat viel zu bieten. Es fordert und bereichert uns fast unentwegt. Für ein Leben mit Kunst und Kultur, meine ich, gilt das noch erst recht. Als Anfang der 1980er Jahre ganz allmählich mein Abitur näher rückte, habe ich das vor allem am Beispiel der Literatur erfahren. Der Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart und Zukunft, den damals drängenden Fragen, gab sie gehörig Nahrung – obgleich sie in meinem Fall aus der Vergangenheit stammte. Thomas Mann las ich mit einem Mal viel, auch Hesse, Kafka, die man alle als Autoren begreifen konnte, die sich an bürgerlichen Lebensformen rieben. Und das tat ich selbst ja auch. Als eher zu eng empfand ich sie; die Kunst aber stand für Weite. Die erwähnten Autoren standen dafür, dann bald auch solche der Goethe-Zeit, klassische Musik, Malerei und Plastik des 19. und 20. Jahrhunderts, wie sie mir in der Region besonders die Mannheimer Kunsthalle zur langen Betrachtung anbot – und neuere (gute) Kinofilme.

Seitdem erlebe ich Kunst und Kultur als etwas, das den Horizont erweitert, das zu denken gibt, einen buchstäblich freier atmen lässt, tiefer empfinden und erleben lehrt, das die Fähigkeit zur Kritik schärft, durchaus auch die des eigenen Selbst; Kunst und Kultur fördern geistigen Reichtum, Bildung, den Sinn für Verbindendes, Allgemeines – und sind trotzdem nicht humorlos.

Theater, Museen, Buchhandlungen, Konzerthäuser und Kinos sind für mich dafür die exklusiven Orte; sie bieten echte Alternativen auf Zeit zum Alltäglichen. Klingt das nun elitär? Ich bin davon überzeugt, dass Kunst und Kultur niemanden ausschließen. Vielleicht wirken zuweilen Institutionen, die sich ihnen verschrieben haben, noch entsprechend; sie selbst an sich aber empfinde ich als überaus „inklusiv“.

Nur ist klar, dass nicht alles, das irgendwie zur Vorführung oder Veröffentlichung kommt, sich solcher Kultur zurechnen kann; sonst wäre sie ja allzu alltäglich. Kunst kultiviert auch den Geschmack, die Urteilsfähigkeit. Von einem erweiterten Begriff derselben muss man hier jetzt nicht sprechen; er hat seine Berechtigung, wenn auch nicht in jeder Hinsicht. Zu konkret, einem bestimmten Sinn verhaftet sollte Kunst nach meiner Überzeugung nicht sein. Dann wird sie auch nicht so leicht von der Aktualität überholt – und kann als überzeitlich gelten; sie kann die besondere Denkungs- und Empfindungsart von denen, die sie wahrnehmen, überschreiten, über diese hinaus- und so erst ins Freie, ins Offene weisen.

Mit dem Freien und Offenen ist es in der Pandemie aber nicht weit her. Was fehlt, ist alles, was Kunst und Kultur für mich auszeichnet. Lesen geht gut, der Austausch darüber wird schon schwieriger, weil lebendige Gespräche seltener sind. Kunst und Kultur wollen offene Begegnungen. Vor verschlossenen Türen haben sie keinen Ort. Und digitale Angebote sind nur ein Notbehelf; zumal bildende Kunst wirkt echt allein im Original. Bei Musik ist es ähnlich, vor allem als Live-Erlebnis entfaltet sie ihre Nuancen, Dynamik. Und das beste Filmerlebnis gibt’s im Kino. Wenn es heißt, nach der Pandemie werde vieles nicht mehr sein wie zuvor, erfüllt mich das mit sehr gemischten Gefühlen – nicht zuletzt mit Blick auf Kunst und Kultur, auf das, was sie mir sind und für alle sein könn(t)en.

Mitglieder der Redaktion schreiben samstags, weshalb Kultur für sie relevant ist. Folge 3: Thomas Groß

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