Kultur

Der Mäzen

Archivartikel

Wer dabei war, wird diesen Moment nicht vergessen: Hans-Werner Hector beugt sich herunter, Kunsthallen-Direktorin Ulrike Lorenz streckt sich, umarmt, herzt ihn, überglücklich und erleichtert. Es ist der 19. Juli 2011 – der Tag, an dem Hector und seine Frau Josephine ihre 50-Millionen-Euro-Spende für den Neubau der Kunsthalle bekannt geben.

Auch der Ort der Begrüßungsszene zeigt noch einmal, warum der Neubau nötig ist. Der Eingang des Mitzlaff-Baus ist niedrig, zugig, dunkel, keineswegs repräsentativ für ein großes Museum. „Ein Mauseloch“ hat es Lorenz mal genannt.

Das Blitzlichtgewitter, als er auftaucht, erträgt Hector mit völliger Gelassenheit, ja stoischer Ruhe. Er soll einer der 100 reichsten Deutschen sein, ist aber völlig bescheiden und zurückhaltend. Noch im Stehen schenkt er sich, nachdem er mit dem Förderkreisvorsitzenden Hans Dieter Hasselbach die Treppen emporsteigt, ein Glas Wasser ein. „Begießen können wir das ja noch später“, beeilt sich Lorenz zu sagen – und verrät, wie alle anderen Akteure des Vormittags, riesige Nervosität vor diesem „ganz besonderen Moment in der Geschichte der Kunsthalle, ja von ganz Mannheim“, wie Oberbürgermeister (OB) Peter Kurz euphorisch schwärmt.

„Da ist es schon schwer, angemessene Worte zu finden“, stockt Kurz bei seiner Rede, und Lorenz spricht unter dem Applaus ihrer ganzen Mitarbeiter gerührt von einem „zu Herzen gehenden historischen Moment für das Haus“ und einer „enormen Geste“, von der „ein enormer Motivationsschub“ ausgehe. Ein „Himmelsgeschenk von zwei Engeln“ nennt sie die Spende des Ehepaars.

Weitaus nüchterner verkündet Hector seinen Entschluss. „Es lag ja auf der Hand, dass wir angesprochen wurden“, denn er unterstütze die Kunsthalle schon lange. „Aber ein Projekt dieser Dimension muss erst einmal wachsen“, so der Mäzen. Nachdem mit der Machbarkeitsstudie seit Mai „halbwegs verlässliche“ Zahlen vorgelegen hätten, sei für ihn schnell klar gewesen: „Ein Neubau ist interessanterweise nicht viel teurer als eine Renovierung, aber die löst nicht alle Probleme.“

Schließlich habe er selbst bei dem von ihm finanzierten Umbau des alten Bunkers unter der Kunsthalle gemerkt, dass ein Eingriff in bestehende Bausubstanz „schief gehen kann, denn das Ding ist ja immer noch nicht dicht, da dringt ja Wasser ein“, so Hector. Da ihm und seiner Frau „die Kunsthalle und Mannheim am Herzen“ lägen und sie breite öffentliche Unterstützung spürten, hätten sie sich entschlossen, zu helfen: „Da viele sicher vor solch einer Dimension an Kosten zurückschrecken, werden wir den größten Brocken der Last übernehmen“, sprich 50 Millionen Euro. Es bleibe aber „noch Luft, dass sich andere engagieren“.

Ob das ganze Haus dann künftig nach Hector als dem größten Mäzen benannt werde, will OB Kurz in dem Moment nicht sagen. Dafür sei es „zu früh, aber wir werden sicher nachdenken, wie man das entsprechend würdigt“. Hector reagiert erkennbar reserviert. Später wehrt er alle Versuche der Bürgerinitiative gegen den Abriss des Mitzlaff-Baus souverän ab und lässt sich von ihr weder vereinnahmen noch persönlich angreifen.

Für Mannheim ist die Zusage des kinderlosen Ehepaars die größte Gabe eines privaten Spenders in der Nachkriegszeit. Das macht bundesweit Schlagzeilen. Das „Handelsblatt“ ernennt Hector zum „Mäzen des Jahres“, die „Frankfurter Allgemeine“ spricht von der „Nachricht des Jahres in Mannheim“. Kurz nennt die Spende „ein Geschenk an Stadt und Bürger“. Kulturbürgermeister Michael Grötsch ergänzt, Hector habe der (damals noch geplanten, inzwischen abgesagten) Bewerbung als Kulturhauptstadt „besonders Schub verliehen“. Die Stadt werde mit einem Neubau „deutschlandweit Maßstäbe setzen“, dankt er.

Besonders würdigt Kurz in dem Moment den damaligen, 2016 verstorbenen Vorsitzenden des Förderkreises der Kunsthalle. Hasselbach hatte schon vor Jahren den Kontakt zu Hector hergestellt und seither ständig gepflegt. Er sei „ein glücklicher Mensch“, wie er bei der Bekanntgabe der Hector-Spende sagt: „Ich freue mich von Herzen über diese Gabe und rufe alle Bürger auf, jetzt mitzuhelfen.“

Tatsächlich ist es Hasselbach, dem Mannheim die Hector-Spende zu ganz großen Teilen zu verdanken hat. Seit 1995 war der Mediziner Kurator der H.W. & J. Hector Stiftung, brachte seine lange ärztliche Erfahrung als Gutachter für Medizin-Projekte der Stiftung ein – und hat mit seiner Begeisterungsfähigkeit sowie seinem sehr beharrlichen, immensen Wirken hinter den Kulissen Hector schließlich von dem Neubau überzeugt.

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