Kultur

Festspiele Ludwigshafen Das legendäre Nederlands Dans Theater begeistert zweimal im ausverkauften Pfalzbau

Der Puls wird immer ruhiger

Archivartikel

Alle Bühnenkunst beginnt mit ihm. Er ist derart prägend für den Vorgang einer öffentlichen Darbietung, dass er umgangssprachlich längst zum "pars pro toto", als Teil zum Sinnbild des Ganzen wurde: Wer die sprichwörtlichen Bretter, die - nach Shakespeare - die Welt bedeuten, betritt, spricht davon, "einen Auftritt zu haben". Mit ihm, dem "Auftritt", entscheidet sich vieles. Nicht nur Schauspielregisseure müssen sich lange überlegen, wie sie einen Darsteller auf die Bühne bekommen, um ihn damit charakterlich, psychologisch oder situativ als Figur einzuführen.

Die hohe Kunst des Auftritts

Das Inszenieren oder auch Choreographieren der Auftritte ist eine Kunst, die vielen Zuschauern nicht als allererstes in den Blick kommt und manchen vielleicht nicht so stark in Erinnerung bleibt, wie das Solo, die Arie oder der Monolog an der Rampenmitte. Gleichwohl gilt er Theaternarren - und somit auch Kritikern - als hohe Theaterkunst. Wer einen der beiden komplett ausverkauften Gastspielauftritte des Nederlands Dans Theater (NDT1) bei den Festspielen Ludwigshafen erlebt hat, den wundert die lange Vorrede nicht, ist doch bei allen vier im Pfalzbau in 140 Minuten (inklusive zweier Pausen) gezeigten Arbeiten festzustellen, auf welch hohem Niveau bei dieser seit Jahrzehnten weltweit geschätzten Compagnie choreographiert und getanzt wird.

In Edward Clugs klarem Einstiegsseptett "Proof", dem mit Songs der Band Radiohead höchst ungewöhnliche "Tanzmusik" zugrunde liegt, wirkt diese Auftrittskunst wie ein roter Faden des mit Breakdance-Elementen, Party-Rave, techno-affinen Gesten und Videospielfiguren durchsetzten Halbstünders.

Es wird unmerklich ins Seitenbühnendunkel weggerobbt, punktgenau in Lichtkegel gesprungen, militärisch steif abmarschiert oder verlegen weggeschlichen. Ein Tänzer betritt die Bühne und i s t in der Choreographie und das in Zeiteinheiten, die sich in Zehntelsekunden messen ließen. Nicht weniger exakt geht es in dem beliebten NDT-Kabinettstück "Shutters Shut" zu Gertrude Steins Gedicht - in einer von ihr selbst gelesenen Aufnahme - aus dem Jahr 1923 "If I told him" zu. Selten sah man das berühmte Humor-Duett der Hauschoreographen Sol Léon und Paul Lightfood so akkurat und feingliedrig wie mit Sarah Reynolds und Spencer Dickhaus.

Weniger heiter, aber nicht minder intensiv, ist Marco Goeckes "Woke up blind" zu tragischen Songwriter-Liedern von Jeff Buckley. Müsste man den Abend unter eine zusammenfassende Klammer stellen, so könnte dies die Ungewöhnlichkeit wie Finesse in der Umsetzung von sprachlastigen Stücken in Bewegung sein. Machinenartiges Armeschlagen, beeindruckende, expressionistisch anmutende Bilder, die musikalisch wie tänzerisch in eine Art Flamenco-Scat münden. All dies ist nicht von hoher, sondern von höchstmöglicher Präzision und - wie immer bei Marco Goecke - von markanter choreographischer Originalität.

Grandiose Synchronie

Doch einmal mehr kommt das Beste zum Schluss: "Stop-Motion", wieder in der Handschrift des Hauschoreographenduos Sol Léon und Paul Lightfood. Von Bewegungsabbruch, wie der Titel nahe legt, kann hier nicht die Rede sein. In dem Werk aus dem Jahre 2014 geht es unter Einsatz atmosphärischer Videoarbeiten von Rahi Rezvani um Abschied und Verwandlung . Hier finden sich zu minimalistischen wie zarten Klängen Max Richters durchaus auch klassische Posen, die als mikroakrobatische Einzelbegegnungen in abstrakte Tableaux vivants übersetzt werden. Tänzer umrunden und umschmeicheln sich, wirbeln effektvoll zu Nebel werdenden Puderstaub auf. Liebe, Vertrauen und Trauer sind zu sehen und zu spüren, während sich selbst der Ruhepuls des abgehetztesten Zuschauers auf Wohlfühlmodus senkt. In technisch umwerfender Synchronie erleben wir, wie tief bewegend Tanz sein kann.

Wer unter Tanz die Kunst versteht, Unsagbares mit dem Körper auszudrücken, kommt an diesem vom Publikum lange bejubelten Abend voll auf seine Kosten. Bis die Bewegung dann tatsächlich stoppt. Die Tänzer scheinen einzufrieren, während sich weißer Nebel und der schwarze Vorhang senken.