Kultur

Schauspiel Theater Bremen führt Theodor Stroms Novelle als Gastspiel im Ludwigshafener Pfalzbau auf / Inszenierung thematisiert Vermüllung der Meere

„Der Schimmelreiter“ berührt nur selten

Archivartikel

Die Zeiten haben sich geändert. Bedrohten früher Sturmfluten und brechende Deiche die nordfriesischen Küstenbewohner, so sind es heute eher die Plastikabfälle einer Wohlstandsgesellschaft. Das jedenfalls zeigt Thomas Rupert, der den Bühnenboden als „vermülltes Meer“ gestaltet hat, als Zeichen einer allgegenwärtigen Unvernunft. Gelegentlich tauchen daraus gespenstische Wesen auf und erinnern daran, dass wir uns im Land der Spökenkieker befinden, wo sich Wirkliches und Mystisches oft kaum unterscheidbar vermischen.

Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ ist zwischen solch gegensätzlichen Polen angesiedelt: Aberglaube und die Erkenntnisse moderner Wissenschaften treffen hier offenbar unversöhnlich aufeinander. John von Düffel hat in seiner Bühnenfassung, mit der das Theater Bremen im Ludwigshafener Pfalzbau gastierte, diesen Konflikt deutlich herausgearbeitet.

Ein Drama, das ganz undramatisch beginnt, wenn die Darsteller, zunächst Masken tragend, langsam die beiden Spielflächen betreten. Über ihnen schwebt unter einem wolkenreichen Himmel ein voller Mond, unten, auf Erden, sehen wir ein veröltes windschiefes Baumgerippe, längst abgestorben, wie so manches hier, das sich noch mitten im Leben wähnt.

Auf der linken Seite steht eine große Wand, der Hauke Haien (Alexander Swoboda), ein von seinen Ideen besessener Emporkömmling und rasch aufbrausender Deichgraf, seine Skizzen und Berechnungen anvertraut. Gegen den Willen der Bevölkerung plant er einen neuen, architektonisch kühnen Deich, der mehr Sicherheit bieten soll als sein Vorgänger. Kein leichtes Unterfangen. Schließlich hat er in dem neidischen, schnell aggressiven Ole Peters (Martin Baum) einen einflussreichen Widersacher.

Apokalyptischer Untergang

Lange Zeit hält die Regisseurin Alize Zandwijk eine bemerkenswerte Balance zwischen Ruhe, Einfachheit und gemäßigtem Effekt. Da ist jeder Blick, jede Geste bedacht, man hört den Sinn der Worte, ihren Klang. Wunderbar, wie sie diese dem Einsturz nahe Bürgerwelt charakterisiert, keine solidarische Gemeinschaft, sondern Vereinzelte, die den Wetterschlägen zu trotzen versuchen, den Stürmen der modernen Zeit aber wenig Verlässliches entgegenzusetzen wissen.

Doch nachdem Elke Volkerts (Nadine Geyersbach), die feinfühlige und zugleich auch durchsetzungsfähige Frau des Deichgrafen ihr geistig behindertes Kind zur Welt gebracht hat, gerät die Aufführung häufig in eine seltsame Grauzone. Man schaut dem Treiben zwar aufmerksam, allerdings auch etwas fröstelnd zu, fühlt sich nur noch selten unmittelbar berührt. An die Stelle der Lebenskatastrophe tritt die inszenierte Aktion.

Selbst wenn die Aufführung zum Schluss einen grandiosen apokalyptischen Untergang entfacht, sich im heftigen Strom des Windes Schimmel und Rappen aus Plastikteilen emporblähen, verrät sie Spuren einer Kunstfertigkeit, die man bewundern kann, aber nicht unbedingt bejubeln muss.

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