Kultur

Nachruf Der Schriftsteller Günter de Bruyn ist im Alter von 93 Jahren verstorben / Kritische Auseinandersetzung mit dem SED-Regime

Der stille, unbequeme Außenseiter

Archivartikel

Er gilt als einer der wichtigsten Chronisten deutsch-deutscher Befindlichkeiten. Angela Merkel empfahl Günter de Bruyn zur Lektüre für junge Leute, die sich ein realistisches Bild vom Alltag in der DDR machen wollen. „Ihr Lebenswerk ist eine große Gabe an die Kulturnation Deutschland“, sagte sie zum 80. Geburtstag des preisgekrönten Autors. Nun ist der gebürtige Berliner im Alter von 93 Jahren gestorben.

Es sind leise Ironie und hintergründiger Humor, mit denen er das Leben in der SED-Diktatur schildert. Zugleich greift er Themen wie Liebe und Verrat, Macht und Ohnmacht auf. Später begleitet er das mühsame Zusammenwachsen von Ost und West in kritischen Essays.

Sein bekanntester Roman ist „Buridans Esel“ (1968), in dem sich ein Bibliothekar nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann. Die Defa brachte das Werk unter dem Titel „Glück im Hinterhaus“ in die Kinos.

Gegen das Etikett des DDR-Schriftstellers hat sich de Bruyn immer gewehrt. „Ich bin ein deutscher, in der DDR lebender Autor.“ Seit 1970 erschienen seine Werke auch im Westen. Dass er eher im Schatten von Ost-Größen wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller blieb, war seiner Rolle als „stiller Außenseiter“ geschuldet. Sein erster Roman „Der Hohlweg“ (1963) war stark an den ideologischen Vorgaben des kommunistischen Systems orientiert.

Später zog er ihn als „Holzweg“ zurück und entwickelte seinen skeptischen Blick auf den Arbeiter- und Bauernstaat. 1976 gehörte er zu den Unterzeichnern des Briefs gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Einige Jahre darauf sorgte er für Aufsehen, als er auf einem deutsch-deutschen Schriftstellerkongress die Aufhebung der Zensur in der DDR forderte. 1989 lehnte er den DDR-Nationalpreis ab – mit Hinweis auf die „Starre, Intoleranz und Dialogunfähigkeit“ des Regimes.

1990 gab er in „Zwischenbilanz“ (1992) und „Vierzig Jahre“ (1996) schonungslos und selbstkritisch Auskunft über sein Leben zwischen Mitlaufen und Distanz. Er habe „wie kein zweiter DDR-Autor das eigene Verhalten öffentlich hinterfragt“, befand die „FAZ“. Dort hatte er aus eigenen Stücken berichtet, dass er sich auf ein Gespräch mit der Stasi eingelassen habe. Umso mehr empfand er den Mauerfall als einen der glücklichsten Momente. „Richtig ist, dass ich lange der idealistischen Vorstellung angehangen habe, das geballte Gute werde schon irgendwie das Schlechte besiegen“, sagte er einmal. „Ich habe sie mir erst spät mühevoll abtrainiert.“ 

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