Kultur

Literatur Bestseller-Autor Robert Harris beschäftigt sich in neuem Roman mit einem Raketenprogramm, das den Nazis im Krieg noch helfen sollte

Der unerfüllte Wunsch nach Vergeltung

Archivartikel

Tod und Zerstörung kommen ohne Vorwarnung. Erst Sekunden, bevor die Rakete aufschlägt, kann sie wahrgenommen werden. So sollten die „Vergeltungswaffen“ (V-Waffen) wirken, mit denen die Nazis 1944 doch noch Großbritannien dazu bringen wollten, aus dem Bündnis mit den USA auszusteigen. Dann, so hofften die Machthaber, könnte ihr Regime den Krieg überstehen.

Diese Vergeltungswaffen, mit deren Hilfe Südengland beschossen werden konnte, stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Robert Harris. Wie schon in „Enigma“ von 1995 hat der Brite in „Vergeltung“ um die historische Entwicklung am Kriegsende eine spannende Geschichte entworfen.

Die Handlung dreht sich um zwei Menschen, deren Erlebnisse während mehrerer Tage im November 1944 in abwechselnden Kapiteln erzählt werden, bis sie aufeinandertreffen. Neben diesen ausgedachten Figuren tauchen auch historische Personen auf, etwa Raketeningenieur Wernher von Braun und Heinrich Himmler, als Reichsführer der SS einer der schlimmsten Vertreter des Hitler-Regimes.

Handlung um Wernher von Braun

Rudi Graf ist Wissenschaftler und einer der besten Kenner der Technik, die in V2-Raketen steckt. Diese werden von gut getarnten mobilen Abschussrampen in Richtung London abgeschossen. Graf ist technischer Berater einer Einheit, die von der SS kontrolliert wird. Immer wieder kommt es zu Problemen bei den Raketen. Graf soll sie beheben und muss stets befürchten, verhaftet zu werden, wenn ihm das nicht gelingt.

Grafs Gegenspielerin ist Kay Caton-Walsh. Nachdem die einen V2-Einschlag miterlebt hat, meldet sich die Luftwaffenangehörige für einen Sondereinsatz. Als Teil einer Gruppe junger Frauen soll sie die Bahnen der Raketen berechnen, so dass klar wird, von wo aus sie abgeschossen worden sind. Sie wird nach Belgien gebracht, wo deutsche Soldaten gerade erst verdrängt worden.

Harris setzt die Figur des Rudi Graf ein, um die Geschichte des deutschen Raketenprogramms zu erzählen. Als Schulfreund von Wernher von Braun ist Graf schon als Schüler bei ersten Experimenten mit Raketen dabei. Vor allem gehört er zur Gruppe von Wissenschaftlern, denen die Nazis ein Forschungszentrum in Peenemünde bauten. Von Braun glaubte, die Nazis auszutricksen, aber letztlich wurden die Raketen zu tödlichen Waffen und nicht zu Raumfahrzeugen. Graf verzweifelt an seiner Situation und spielt sogar mit Gedanken an Sabotage. Aber immer wieder spielt von Braun eine bestimmende Rolle in seinem Leben.

Im Vergleich zu Graf bekommt Caton-Walsh eine eher kleine Rolle im Roman. Harris stellt das beklemmende, von allseitigem Misstrauen geprägte Nebeneinander von britischen Soldaten und belgischer Bevölkerung dar, aber die eigentliche Aufgabe, die die britische Soldatin dort erfüllt, bietet nur begrenzten Raum für Dramatik.

Der eigentliche Star ist die Rakete selbst. Harris nimmt sich viel Zeit, die zu beschreiben, ihre Funktionsweise zu erläutern und detailliert das Spektakel eines Raketenstarts zu beschreiben. In „Vergeltung“ hat sich Harris eindringlich mit dem Thema technischer Innovation und deren Konsequenzen auseinandergesetzt. Dass die „Vergeltungswaffe“ die Grundlage sein würde für die Mondraketen der Amerikaner 25 Jahre später, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Problematik.

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