Kultur

Musiktheater Karlsruhe möbelt Mozarts Musikdrama „Lucio Silla“ auf / Römischer Diktator aus dem Original wird hier als skrupelloser Manager dargestellt

Designer-Bungalow mutiert zur Falle

Regisseur Tobias Kratzer denkt das Finale von Mozarts Oper „Lucio Silla“ zeitgemäßer als gewohnt: Der Machtmensch, der sich nimmt, was er begehrt – Frauen, Hab und Gut – wird von energischen GSG 9-Polizisten gestellt und darf in Handschellen über seine Untaten nachdenken. Läuterung? Vielleicht, aber Vergebung: nein. Diese Sicht kommt am Badischen Staatstheater gut an. Der (römische) Diktator, hier eher ein skrupelloser Managertyp im Anzug und weißem Hemd (Ausstattung: Rainer Sellmaier) residiert im Flachdach-Bungalow in bester Lage, dessen kühle Einrichtung ebenso gefühllos wirkt wie der Bewohner. Hier guckt er Videos, wie er an Giunia seine Gewaltfantasien ausgelebt hat, hier wird er deren Verlobten Cecilio gefangen setzen.

Der ist mit dem berühmten Counter Franco Fagioli besetzt, einem absoluten Star seines Fachs; aber in der schäbigen Wandersmann-Pose, gebeugt und mit Rucksack symbolisch beschwert aus der Verbannung zurückirrend, scheint er sich nicht wirklich wohl zu fühlen. So wird sein Gesang zwei Akte Anlaufzeit mit anfänglichen Intonations-Schwächen und unruhigen Registerwechseln benötigen, um im Finale zur Bestform aufzulaufen. Gefeiert wird er gleichwohl, er hat Karlsruhe wunderbare Händel-Partien beschert, und seine Fans sind in der Liebe unbeirrt. Dennoch ist die Frage erlaubt, ob Tobias Kratzer hier in der Personenführung richtig lag.

Gelten solche Treueschwüre auch Giunia? Immerhin, wenn sie ihren Cecilio tot wähnt, überlegt sie doch, ob sie nicht das Brautkleid überstreifen sollte, um eine Zweckehe mit dem Bösen einzugehen. Ekaterina Lekhina singt sie fulminant, die höllischen Koloraturen gelingen ihr nahezu himmlisch. In der Hosenrolle des Lucio Silla feiert Irina Simmes einen großen Erfolg, denn ihre mehr als stabile Partieführung lässt ihr spezifisches Timbre hier auf der großen Bühne viel besser aufleuchten als im gewohnten Heidelberger Theater.

Grandios aber ist die Titelfigur mit James Edgar Knight besetzt, ein präsenter, großvolumiger Tenor voller Kraft und Klarheit. Bezaubernd Uliana Alexyuk als Celia, die naiv und vom Geschehen unbeeindruckt das Barbie-Haus und deren Insassen spazieren trägt. Noch ein Bösewicht: Auditio, von Klaus Schneider abgründig dargestellt, und sein Frack mag an Leopold Mozart gemahnen, eine feine Pointe.

Heftiger Premierenbeifall

Der Chor ist präsent (Marius Zachmann), die Video-Einblendungen sind raffiniert (Manuel Braun). Die Badische Staatskapelle spielt einen überzeugenden Mozart, seinem Dirigenten Johannes Willig allerdings hätte man phasenweise mehr Mut zu aggressiven Affekten gewünscht. – heftiger Premierenbeifall.