Kultur

Literatur Familiendrama und politischer Roman – „Sechs Koffer“, das neue Werk von Maxim Biller

Dichtung und harte Wahrheit

Archivartikel

Der Ich-Erzähler von Billers neuem, stark autobiografischem Roman ist Raucher, sein Name: Maxim Biller. Schon als Halbwüchsiger hatte er sich vorgenommen, später einmal mindestens eine Schachtel täglich zu rauchen. Als Erwachsener zündet er sich in dem – für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten – Roman freilich immer nur dann eine an, wenn es mal dringend nötig ist. Einmal würde er am liebsten an zehn Zigaretten gleichzeitig ziehen.

Das Leben, lernen wir daraus, ist eben starker Tobak – zumal für Menschen, die eine Erscheinung wie den Totalitarismus am eigenen Leib erfahren haben. Oder für solche, die wie der Ich-Erzähler seelisch an seinen Folgen laborieren. 1960 war der Tate – jiddisch für Großvater – auf dem Flughafen in Moskau verhaftet und später bei einem Schauprozess zum Tode verurteilt worden. Ein dunkler Fleck in der Familiengeschichte: Hatte einer seiner vier Söhne – darunter Billers Vater Sjoma – ihn und seine Schwarzmarktgeschäfte an die Staatspolizei verraten?

Jeder verdächtigt jeden

Jeder in „Sechs Koffer“ verdächtigt jeden. Rada, die Mutter, erblickt in ihrem Schwager – Maxims Onkel Dima – den Verräter. Sjoma beschuldigt die schöne Natalia. Sie, seine damalige Geliebte, hatte er einst verlassen, weil sie keine Kinder wollte; um gleichwohl mit ihm verbunden zu bleiben, heiratete Natalia Dima. Der wiederum wie zeitweilig Maxim selbst hält Lev – ein weiterer Sohn Schmil Grigorewitschs, des Taten – für den Schuldigen. Oder ist gar der eigene Vater selbst schuld?

Als russische Wirtschaftsattachés in Prag, wo Maxim Biller im Buch wie in der Wirklichkeit geboren ist, haben die vier Brüder alle irgendwann den Absprung in den Westen geschafft. Ab einem gewissen Zeitpunkt leben sie und ihre Angehörigen in einer veritablen Familiendiaspora. Die Wohnorte heißen Berlin, Zürich und Hamburg, Rio de Janeiro, Montreal und, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, auch wieder Prag. Sechs Koffer – der sprichwörtliche in Berlin gehört Maxim Biller.

Es ist ein Verwirrspiel aus Verdächtigungen und Mutmaßungen, in die der Roman den Leser, der manchmal nur mühsam den Überblick behält, verstrickt, zumal das Buch in der Chronologie häufig springt: nicht aus Willkür, sondern weil die Zusammenhänge einfach so komplex sind. Jedes der sechs Kapitel ist aus der Sicht eines (oder einer) anderen Beteiligten erzählt. Bewundernswert dabei ist Billers Gabe, jeder seiner Gestalten eine eigene Stimme, Perspektive, charakterliche und moralische Kontur zu verleihen.

Diese Figuren, der Ich-Erzähler selbst eingeschlossen, leben. „Meine Mutter lächelte falsch, obwohl sie nie falsch lächelte“ – es sind Sätze wie dieser, die den Romanschreiber und Kolumnisten Maxim Biller und seine Figuren so liebenswert machen.

Der Roman liest sich spannend wie eine Detektivgeschichte – die er im dritten Kapitel, wo der Ich-Erzähler als nach der Wahrheit suchender Jugendlicher seinen Onkel Dima in Zürich besucht, dann auch ist. Am Ende jedoch sind alle Mühen der Nachforschung vergebens. Statt Eindeutigkeit: Fragezeichen, Mutmaßungen, Vorbehalte. Schuld löst sich gleichwohl nicht ins Ungefähre auf. Anstatt individuelle Verantwortung dingfest zu machen, verweist die Formel von Billers erzählerischer Unschärferelation auf einen universalen Schuldzusammenhang, dem man in einem totalitären Staat kaum entgehen kann. So trägt wohl jeder in der Familie ein bisschen Schuld am Tod des Großvaters – und wäre es durch unvorsichtige Äußerungen.

Das Buch ist eine Mischung aus politischem Roman, Familiendrama und Comédie humaine. Es geht um Antisemitismus und ums (Über-)Leben im totalitären Staat, um Erfahrungen als KZ-Häftling während des Krieges oder das Erdulden sexistischen Machtmissbrauchs nach seinem Ende. Aber gleichzeitig geht es auch um Menschlich-Allzumenschliches, um Eheprobleme und die Komplexität familiärer Bezüge: „Verwandte und ihre halben Wahrheiten und ganzen Lügen“ …

Wie viel von dem Inhalt wirkliche Familiengeschichte ist und wie viel pure Fiktion – nur der Autor weiß es. Sofern man jedoch von der Romanfigur auf den Menschen Maxim Biller schließen darf, ist der, als Mensch und Schriftsteller, ein unbedingter Moralist. Seine Spott- und Streitlust als Romanautor wie als Journalist wird man nach diesem lebensprallen, tiefsinnigen und wunderbar menschlichen Buch neu sehen und neu bewerten müssen.

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