Kultur

Literatur im Schloss Der österreichische Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker las in Bad Mergentheim

Die Abwesenheit der Idylle

Archivartikel

Ganz in der Gegenwart bewegen sich die Figuren in dem Roman „Enteignung“ des österreichischen Autors Reinhard Kaiser-Mühlecker, der bei „Literatur im Schloss“ im Deutschordensschloss Bad Mergentheim mit Jan Wiele, Feuilletonredakteur der F.A.Z., über seinen neuen, inzwischen siebten Roman sprach.

Wiele führt den Schriftsteller als Autor von stimmungsvollen Landschaftsbildern ein und beginnt die Moderation mit einem für ihn sehr charakteristischen Zitat: „Da war ich noch voller Frohmut und Vorfreude, auch wenn ich keine Antwort gewusst hätte, worauf denn eigentlich. Vielleicht hätte ich einfach gesagt, auf die Zukunft oder gutgläubiger, auf das, was kommen mag.“

Schwere Melancholie

Wiele empfindet eine schwere Melancholie in diesen Sätzen. Ausweichend meint der Autor, dass er unbedingt „ein ganz leichtes Buch“ über einen Typen, der leicht durchs Leben geht und dem wenig schwer fällt“ habe schreiben wollen. Dies sei ihm nicht so ganz gelungen. Ihm sei es zu öde, nur über „das Helle und Erfreuliche“ zu schreiben. Da wäre er nach ein, zwei Seiten fertig.

Voller Ironie schiebt er nach, er habe auch schon manchmal vergeblich im Stile von Rosamunde Pilcher versucht, ganz innig die Liebe zu beschreiben.

Wenn Jan von Reportagen über frühere Reisen schreibt, „gemischt und angereichert mit Gelesenem, Gehörtem und Erfundenem“ denkt man gleich an die Affäre des früheren Spiegel-Mitarbeiters und Fälschers Claas Relotius. Der Titel des Romans erinnert zudem an die jüngsten Diskussionen um den Juso-Vorsitzenden Kühnert, dem die Boulevard-Presse mit reißerische Zitaten wie „Kühnert will BMW enteignen“ bedachte. Im Roman geht es um die Enteignung von Grund und Boden.

Keine Entschädigung

Ein Bauer will ein für den Bau einer Windkraftanlage benötigtes Grundstück möglichst teuer verkaufen, verspekuliert sich dabei und wird dann „preiswert“ enteignet. Im Roman wird nicht nur eine Fläche enteignet, sondern es gibt Verluste im zwischenmenschlichen Bereich, für die es keine angemessene Entschädigung geben kann.

Den Ich-Erzähler zeichnet eine seltsame Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit aus, mit der er prägnant und emotionslos das Leben im Dorf und in der benachbarten Kreisstadt in den Voralpen beschreibt. Irgendwie fremdelt er mit allem und jedem, erpicht darauf, allen Schwierigkeiten möglichst geräuschlos aus dem Weg zu gehen.

Eigentlich tödlich für einen Journalisten, wenn ihm die Neugier und Empathie für seine Umwelt abhanden gekommen ist. Doch irgendwie hangelt er sich völlig frei von Ambitionen mit langjährig erprobter Routine durch, wenn er seine Artikel für das Lokalblatt in der Kreisstadt fertigt. Ein Schlaglicht auf die Versuche, den Leserschwund im Printbereich aufzuhalten, wirft ein plötzliches Ereignis im Dorf, über das der Erzähler möglichst reißerisch berichten soll. Ein älterer Mann ist eine Treppe heruntergestürzt und gestorben. Ob es tatsächlich „nur“ ein Unfall war, bleibt bis zum Schluss offen.

Der Leser erfährt fast eher beiläufig, dass der Erzähler als einziger Überlebender eines Bootsunglücks ein Waisenkind und bei seiner Tante aufgewachsen ist, deren Häuschen auf dem Lande er dann geerbt hat. Deren Erziehung in einer Art Blase hat Jan geprägt, weil er von der in den Augen der Tante vulgären Dorfbevölkerung weitgehend ferngehalten wird. Die detailreichen Beobachtungen des dörflichen Lebens lassen autobiografische Bezüge erahnen, denn Kaiser-Mühlecker ist selbst in einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich aufgewachsen.

Außerordentlich packend

Atmosphärisch außerordentlich packend wird mit kargen Worten die Natur mit ihren extremen Wetterverhältnissen geschildert; schon zum Auftakt macht dem Erzähler die flirrende Sommerhitze über den gemähten Feldern zu schaffen. Das Leben nimmt er eher leicht, flirtet mit gelangweilten Frauen, die ihm über den Weg laufen.

Als Hobby-Flieger erkundet der Erzähler die Gegend und liest über dem Grundstück des Bauern Flor, einem früheren Klassenkameraden von ihm, der ihn aber nicht erkennt, auf einer Kuppe den Schriftzug „Enteignet“.

Es ist eben diese Fläche, die eigentlich aufgrund fehlender Winde für Windkraft ungeeignet ist. So fächert der Autor mit der Lebenskrise des Erzählers, der Krise der Landwirtschaft, die nur wachsend überleben kann, der Krise der rücksichtslosen Politik, die den Blick auf das Gemeinwohl verliert, und nicht zuletzt der Krise von Paarbeziehungen gleich vier Krisenszenarien mit lakonischer Schärfe auf.

Kaiser-Mühlecker liest ausgewählte Abschnitte des Romans vor, die den Eindruck verstärken, dass sich der Roman unterschwellig wie ein Liebesroman liest, in dem Frauencharaktere einen immer größeren Raum einnehmen.

Nicht ganz spontan entschließt sich Jan, beim Bauern Flor eine Art Praktikum zu beginnen. Seine Affäre mit der alleinerziehenden Lehrerin Ines bedeutet ihm mehr, als er sich eingestehen will; besonders als er entdeckt, dass Ines auch mit Flor schläft.

Neugier auf Liebesabenteuer

Nichts zu hören ist bei der Lesung von Hemma, der Frau von Flor, die sich Jan in einer abgelegenen Waldhütte mit außerordentlicher Leidenschaft hingibt. Jan reizen aufregende Liebesabenteuer; es ist eine Art Neugier, die der Ich-Erzähler schon lange nicht mehr gespürt hat.

Hart wird dagegen die Arbeit in dem Schweinemastbetrieb geschildert; ein Überleben ist aufgrund der geringen Gewinnmarge pro Masttier nur durch ständige Vergrößerung möglich. So wird die Schilderung des Landlebens, das schon lange keine Idylle mehr ist, ein weiteres Thema des Romans.