Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Die Adern einer Stadt

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

es ist der vierzigste Tagebucheintrag. Runde Zahlen sind zwar nicht so schön wie Schnapszahlen, aber ein Grund, ein Thema zu wählen, das ich mit Lebensfreude verbinde.


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Wenig fehlt mir derzeit so sehr wie die Kaffeehauskultur. Dieser Tagebucheintrag ist also eine Ode an Cafés, die Orte, an denen man eben nicht zuhause ist, aber sich so wohl fühlt, als wäre man es. Ich liebe Cafés, die durchdacht sind, in denen man merkt: Der Inhaber ist aus Leidenschaft Gastgeber. Wenn alles stimmt und alles so hergerichtet wurde, dass es ineinandergreift. Ich liebe alte Cafés, in den hochwertiges Material verarbeitet wurde, der Boden aus Marmor, ein hochwertiger Tresen. Alte Jugendstilcafés, wie es sie auch in Mannheim viele gibt, aber auch innovative, reduzierte Orte, an denen eine eigene Welt geschaffen wird. Ich gehe nicht gern in Cafés, die gestaltet sind wie Wohnzimmer, nein, ich gehe doch aus dem Haus, um draußen zu sein und eben nicht in der Normalität des Wohnens. Ein Besuch im einem Café ist wie ein Kurztrip: Man darf in eine andere Atmosphäre eintauchen, elegant oder romantisch sein, hip oder altmodisch, zum Glück ist die Auswahl groß.

Gerade in Mannheim liebe ich die neu belebte Barkultur, die Lust der Baristas, den Kaffee wie ein Kunstwerk herzustellen. Ich liebe aber auch den ehrlichen Kaffee, also einen Ort, der überhaupt keine große Philosophie dahinter hat, die er liebevoll inszeniert, und trotzdem kommt ein ehrlicher, guter Espresso aus der Maschine, nach dem man sich die Lippen leckt. In Mannheim kriegt man selbst am Hauptbahnhof einen ordentlichen Espresso, das ist Lebensqualität für Vielreisende. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass es Menschen gibt, die morgens aufstehen und sich überlegen, wie sie das Leben der anderen genussvoller machen können.

Die Kaffeehauskultur ist in Deutschland in den letzten Jahren aufgeblüht. Ich danke allen, die diese urbanen Lebensräume für uns ermöglichen, und hoffe sehr, dass sie gut durch die Krise kommen. Sie haben jede Unterstützung verdient. Denn Cafés bieten nicht nur Arbeitsplätze, sie sind die anderen, die informellen Kulturzentren, die Adern einer Stadt, in der gelebt, gelesen, und gestritten wird. Im besten Fall liegen dort noch gute Zeitungen aus. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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