Kultur

Kunsthalle Der neue Direktor Johan Holten stellt sich erstmals offiziell vor – und hat gleich den Ausstellungsplan von 2020 geändert

„Die Aufmerksamkeit noch einen Tick steigern“

Wenn Johan Holten spricht, überholt er sich fast selbst. Kaskadenartig und wie Musik im Presto-Tempo verlassen seine Gedanken den Mund. Mit Mut. Mit Vision. Mit Leidenschaft. Beim ersten für die Öffentlichkeit bestimmten Termin vor Journalisten spricht er rasant von der Faszination, wie die Werke für die in zwei Wochen beginnende Matisse-Ausstellung nach und nach eintreffen, „wie sie ausgepackt werden und irgendwann an der Wand hängen“. Mehrmals durchwandere er täglich die Räume der Kunsthalle, um diesem Prozess beizuwohnen. Kein Zweifel: Holten liebt seinen Arbeitsplatz.

Die große Schau „Inspiration Matisse“ habe er zwar übernommen, doch sie sei für ihn der Lackmustest für die neue Kunsthalle. Wie wird sie angenommen werden? Wie viele Menschen von wo werden sie besuchen? „Die Mannheimer allein reichen da nicht“, sagt er und hofft vor allem auf Besucher aus einem Umkreis von 100 bis 150 Kilometern. Die Aufmerksamkeit kann man noch einen Tick steigern, denke er.

Der Gegenwart Rechnung tragen

Die Frage, ob die Matisse-Schau auch von ihm hätte sein können und er auch künftig Ausstellungen dieser Art setzen möchte, bejaht Holten: „Die Moderne ist unser Ausgangspunkt, sie wird uns beschäftigen.“

Für einen Machertypen wie ihn dürfte es nicht einfach sein, sich mit dem zu begnügen, was er vorfindet. Die geschiedene Direktorin Ulrike Lorenz und amtierende Stellvertreterin Inge Herold haben natürlich teils Jahre vorausgeplant. Deswegen gab Holten am Mittwoch auch gleich die erste größere programmatische Änderung bekannt: Die für Frühjahr 2020 geplante Anselm-Kiefer-Ausstellung wird es erst im Herbst geben. Dafür setzt Holten gleich selbst einen Akzent: Er will jene malenden Frauen zeigen, die der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind, aber in der Kunstgeschichte schreibenden Ausstellung von 1925 nicht dabei waren. Diese Malerinnen kontrastiert er mit aktuellen Positionen dreier internationaler Bildhauerinnen sowie multimedialen Arbeiten zum Thema Teilhabe mit der Fragestellung: „Wer in der Gesellschaft nimmt wie welche Angebote von Kultureinrichtungen an?“

Es ist, wenn man so will, ein typisches Holten-Thema. Selten geht der gebürtige Däne von der Kunst selbst aus. Vielmehr setzt er soziale Thesen und schaut dann nach den Werken dafür. Er hofft auch, dass die Schau zu Ankäufen führt und sich die Sammlung vervollständigen lässt, schließlich müsse sie entwickelt werden, „um unserer heutigen globalisierten Gegenwart Rechnung zu tragen“.

Ein weiterer Knackpunkt ist für ihn die digitale Strategie. Hier sucht er nach einer zwingenden Formel: Zentral sei für ihn, „wie man die Digitalisierung von Kunst aus der spezifischen Form eines Werkes ableiten“ könne. Und dann: die Kunsthalle für alle. Das sei eine Behauptung und man müsse nach dem Wie fragen. Zentral sei, dass sich die Menschen in den Räumen wohlfühlten. Deswegen kündigt er auch physische Änderungen an. Doch keine Angst: Steine würden nicht bewegt, so Holten, der sich dafür viele Büchereien von innen angesehen hat.

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